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	<title>kurzgeschichten &amp;laquo; WordPress.com Tag Feed</title>
	<link>http://wordpress.com/tag/kurzgeschichten/</link>
	<description>Feed of posts on WordPress.com tagged "kurzgeschichten"</description>
	<pubDate>Mon, 07 Jul 2008 07:03:08 +0000</pubDate>

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	<language>en</language>

<item>
<title><![CDATA[18]]></title>
<link>http://schreibtagebuch.wordpress.com/?p=228</link>
<pubDate>Sun, 06 Jul 2008 20:17:40 +0000</pubDate>
<dc:creator>Robbe</dc:creator>
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<description><![CDATA[Straßenpflaster: reißt sie ihm einfach den hefter weg…ehrlich, alle haben gegrölt  
Neonlicht: ]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="line-height:150%;">Straßenpflaster<em>: reißt sie ihm einfach den hefter weg…ehrlich, alle haben gegrölt :D</em></p>
<p class="MsoNormal" style="line-height:150%;">Neonlicht<em>: Klingt, als wäre dein Tag unterhaltsam gewesen.</em></p>
<p class="MsoNormal" style="line-height:150%;">Straßenpflaster<em>: deiner nich?</em></p>
<p class="MsoNormal" style="line-height:150%;">Neonlicht<em>: Ich habe den ganzen Tag an dich gedacht und daran, dass du dich nicht mit mir treffen willst. Ich möchte dich gerne sehen.</em><!--more--></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Ich aber dich nicht! Warum sagt sie so etwas? Seit zwei Wochen bittet sie mich, dass wir uns treffen, aber das kann ich nicht, das will ich nicht, das würde nur alles kaputt machen.</p>
<p class="MsoNormal" style="line-height:150%;">Neonlicht<em>: Bitte antworte mir. Woran liegt es? Hast du Angst? Ich auch…</em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Nein, das ist es nicht. Nicht ganz. Ich kann es ihr nicht erklären. Ich habe mich noch nie einem Menschen so nahe gefühlt. Wir kennen uns zwei Monate, aber ich glaube, dass ich noch keinem Menschen soviel von mir gezeigt habe. Bei ihr ist alles anders. Sie nimmt mich in den Arm, allein mit Worten. Sie hat noch nie etwas gesagt, das mich verletzt hätte. Ihre Augen sind offen, nur für mich. Sie sagt so viele schöne Dinge zu mir und über mich, die mir unangenehm sind, weil ich sie nicht erwidern kann. Ich sauge sie in mich ein und genieße sie, aber ich kann keine Komplimente machen. Alles klingt schnulzig und nicht echt. Bei ihr sieht dagegen jedes geschriebene Wort wie die absolute Wahrheit aus. Sie ist das Licht, das mein Pflaster beleuchtet. Sie wohnt siebenhundert Kilometer weit weg, aber wenn wir reden, ist sie so nah, als säße sie neben mir. Ich hatte immer die Hoffnung, sie würde niemals ein Treffen vorschlagen. Bei siebenhundert Kilometern, ein Wahnsinn. Das ist fast wie das andere Ende der Welt. Doch vor zwei Wochen hat sie es angesprochen. Das erste Mal. Ob es nicht schön wäre, wenn wir uns sehen würden. Aber das geht nicht. Ich habe es nicht einmal gewagt, ihr Foto anzusehen, das sie mir gleich am Anfang geschickt hat. Ich wollte sie frei von jeder Optik in mein Leben lassen, ganz offen für sie sein und was ist passiert?</p>
<p class="MsoNormal" style="line-height:150%;">Neonlicht<em>: Ich habe mich in dich verliebt.</em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Ja. Das ist passiert. Ich habe mich in sie verliebt, aber ich habe Angst, dass das alles nur Illusion ist. Dass mein hervorragender und alles bestimmender, visueller Sinn alles kaputt macht. Wenn sie mir nicht gefällt, äußerlich meine ich, werde ich sie trotzdem noch lieben? Es würde alles zerstören, wenn nicht. Mein ganzes Bild von ihr wäre eine einzige Lüge. Eine von mir aufgebaute Lüge. Nein, ich kann es nicht riskieren. Lieber sterbe ich an gebrochenem Herzen vor meinem PC, wenn sie sich eine Andere sucht, als dass ich mein Bild von ihr aufgeben muss.</p>
<p class="MsoNormal" style="line-height:150%;">Neonlicht<em>: Sag was.</em></p>
<p class="MsoNormal" style="line-height:150%;">Straßenpflaster<em>: was</em></p>
<p class="MsoNormal" style="line-height:150%;">Neonlicht<em>: Sehr witzig. Gib mir eine Antwort.</em></p>
<p class="MsoNormal" style="line-height:150%;">Straßenpflaster<em>: ich kann nich, bis morgen</em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Ende. Ich starre auf den Monitor. Soviel Dummheit auf einem Haufen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Was? Wieso nicht? Warum triffst du dich nicht mit ihr, wenn du dich in sie verliebt hast?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich weiß nicht, es geht nicht, Gregor.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Jetzt muss ich wieder Rede und Antwort stehen, wenigstens nicht vor ihr. Gregor ist außer sich. Er konnte nicht begreifen, warum ich das Foto nicht angesehen habe und nun begreift er nicht, warum ich mich nicht mit der Frau treffe, wegen der ich ihm seit zwei Monaten die Ohren voll heule. Ist das erbärmlich? Ja, das ist es. Ich gebe es gerne zu. Aber um nichts in der Welt würde ich sie verlieren wollen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Du verlierst sie doch nicht. Mein Gott, du triffst dich mit ihr und wenn sie dir nicht gefällt, egal, dann bleibt ihr Freunde, was soll’s. Du machst es dir viel zu kompliziert.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Nein, das geht nicht. Ich weiß, es ist kompliziert, aber wir können keine Freunde sein, wenn meine Lüge alles kaputt macht. Sie hat mein Bild gesehen, sie hat sich in mich verliebt, in alles von mir, aber ich? Ich kenne nur ihren Charakter. Jedes Detail davon. Er ist mir zu einer Göttin geworden. Wenn ihr Aussehen nicht dazu passt, wird mein ganzes Weltbild einstürzen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Du bist oberflächlich, weißt du das? Ich bestreite ja nicht, dass das Äußere eines Menschen Einfluss darauf hat, ob man ihn anziehend findet und gegebenenfalls mit ihm ins Bett will, aber wenn man sich verliebt, spielt das keine Rolle mehr. Wer liebt, trägt eine rosarote Brille. Selbst wenn die ganze Welt sie hässlich fände, du fändest sie garantiert schön.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Und wenn es nicht so ist, wenn meine Oberflächlichkeit meine Liebe zerstört?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Dann liebst du nicht. Aber glaub mir, wenn du nicht verliebt bist, bin ich nicht schwul.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Das sagt er jedes Mal, wenn es um etwas Wichtiges geht. Aber nur, wenn er sich sicher ist.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Zeig mir doch das Bild ganz einfach. Dann kann ich dir sagen, ob sie schön oder unschön ist und ob du sie gut finden könntest. Wie wäre das?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Nein, das wäre doch dasselbe.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Wäre es gar nicht. Du wüsstest ja nicht, wie sie aussieht. Komm schon. Zeig es mir.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Es wäre doch dasselbe. Wenn er sagt, sie ist nichts für mich, wäre ja auch alles vorbei.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Nein, wäre es nicht. Denn dann bleibt doch trotzdem dein Bild erhalten. Du hast ja dennoch nichts vor Augen, sondern nur eine individuelle Bewertung von einem Ästheten.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Ich zögere. Das ist falsch. Ich will mich nur mit ihr treffen, wenn sie schön ist. Das ist falsch. Falsch und oberflächlich. Dabei war es doch gerade mein Ziel nicht oberflächlich zu sein.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Zeig mir jetzt das verdammte Bild!“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Er wird aggressiv. Ich gebe auf. Wir gehen zu meinem Computer. Ich öffne die Mail mit dem Bildanhang und gehe aus dem Raum. Er soll das Bild schließen, wenn er es gesehen hat. Ich warte in der Küche, sehe aus dem Fenster. Ob es bei ihr auch gerade regnet? Sie hat gesagt, sie liebt es, im Regen zu laufen, wenn es so warm ist wie in den letzten Tagen. Ich liebe es auch. In Gedanken sind wir oft zusammen gelaufen. In Wirklichkeit werden wir das nie.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Gregor kommt zurück. Er setzt sich zu mir an den Tisch. Er schüttelt den Kopf. Meine Finger zittern, alles Blut weicht aus meinen Gliedmaßen, mein Herz setzt ein paar Schläge aus. Ich wusste es. Ich wusste es. Der visuelle Sinn würde alles kaputt machen. Ich hatte Recht.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Sie ist ganz sicher nicht dein Typ.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Er betont das ganz sicher. Ich glaube ihm. Er weiß genau, was ich will. Wir reden darüber, er redet, ich höre nur zu. Meine Göttin, ich sehe sie vor mir, aber sie ist vom Thron gestürzt.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Du hast jetzt zwei faire Wahlmöglichkeiten. Entweder du triffst dich mit ihr oder du sagst ihr ganz ehrlich, dass du sie äußerlich nicht attraktiv findest und du dir nichts Intimeres vorstellen kannst. Oder sind deine Gefühle noch dieselben wie zuvor?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Sind sie das? In mir ist ein Gefühl, das zuvor nicht da war. Es schwankt zwischen Enttäuschung, Abwehr und einem schlechten Gewissen. Aber sie ist immer noch perfekt.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Sieh dir das Bild an. Ich habe es offen gelassen und dann entscheidest du.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Er steht auf und verlässt meine Wohnung. Lässt mich einfach allein mit meinen Gedanken, meiner Oberflächlichkeit, meiner Dummheit. Hätte ich ihr Bild nur zuvor angesehen. Dann wäre wenigstens Freundschaft drin gewesen. Stundenlang liegt mein Kopf auf dem Küchentisch, bis mich eine SMS erreicht. Gregor fragt, ob ich das Bild schon angesehen habe. Nein, habe ich nicht, aber ich breche zu meinem PC auf. Der Bildschirmschoner hat sich aktiviert. So sitze ich vor dem Monitor. Eine Stunde. Es ist dunkel geworden. Eine neue SMS. Gregor ist ungeduldig. Außerdem ist es die Zeit, zu der wir uns im Chat treffen. Ich will sie trotz alledem nicht warten lassen. Ich stupse die Mouse an. Ein Bild zeigt sich mir. Sie hat sich nie beschrieben, in mir ist nur ein Phantom, aber es stimmt nicht überein. Ganz und gar nicht. Gregor hatte Recht, sie entspricht nicht meiner Traumfrau, deren Bild ich auf ihren Charakter projiziert habe. Sie lächelt sympathisch, aber ins Bett mit ihr? Ich bin unsicher. Im Chat wartet sie auf mich.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Neonlicht<em>: Du bist da. Ich dachte, du würdest nicht kommen.</em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Straßenpflaster<em>: sorry, wegen gestern</em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Neonlicht<em>: Schon gut. Wenn du dich nicht mit mir treffen willst, ist das in Ordnung. Das lässt zwar einige Schlüsse zu, wie deine Gefühle für mich sind, aber ich kann damit umgehen.</em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Was? Was meint sie damit? Glaubt sie, ich mag sie nicht genauso? Naja, was sollte sie auch sonst glauben? Ich habe ihr nie gesagt, was ich fühle. Und jetzt, nachdem ich ihr Foto gesehen habe, wie soll ich ihr sagen, dass ich ihren Charakter liebe, aber ihr Äußeres mich nicht anspricht? Ich bin doch nicht so. Ich bin nicht oberflächlich. Ich sehe mir das Bild noch einmal an. Sie lächelt wirklich sympathisch. Ihre Augen sind schön und leuchten. Hat Gregor Recht?</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Straßenpflaster<em>: Ich habe mich auch in dich verliebt.</em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Neonlicht<em>: Wirklich?</em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Straßenpflaster<em>: Soll ich dich besuchen oder besuchst du mich?</em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Da sitze ich also im Zug. Neben mir eine Tasche mit Kleidung für eine Woche. Eine Bewährungswoche hat Gregor es beim Abschied genannt. Er hat mich zum Bahnhof gebracht, damit ich nicht umkehre. Aber ich wäre nicht umgekehrt. Im Gegenteil. Ich freue mich sehr, sie zu sehen. Das Foto habe ich mir jeden Tag angesehen. Sie war so glücklich, als ich ihr alles erklärt habe. Mir fielen die Komplimente schwer, nicht, weil sie sie nicht verdient hat, aber ich finde es immer noch schnulzig. Sie sagt, ich muss nichts sagen, wenn ich nicht will, aber eine Göttin hat jede Art von Verehrung verdient. Wir kommen an, in zehn Minuten und ich freue mich auf den Moment, in dem ich sie sehe, wir uns sehen. Ja, Gregor hat Recht. Wenn man verliebt ist, findet man schön, was man vorher nie beachtet hätte. Es war doch eine gute Idee, das Foto nicht anzusehen, sonst hätte ich mich ihr nie so geöffnet und mich nie verliebt. Wir haben soviel geplant für diese Woche, sie hat sich extra für mich frei genommen. Wir werden sehen, wie es läuft, hat sie am Telefon noch gesagt. Ihre Stimme war ganz ruhig, vertrauensvoll, nur am Ende, als sie gesagt hat, wie viel ich ihr bedeute, da hat sie leicht gezittert. Ich nehme sie jetzt ganz anders wahr. Sie ist eine Göttin, aber greifbar, eine menschliche Königin. Höre ich mich nicht an wie eine Minnesängerin? Grauenhaft. Aber das ist das, was in mir ist. Wenn wir in der Woche merken, dass wir zusammen bleiben wollen, dass es gut läuft, dann müssen wir uns aber etwas überlegen. Auf Dauer würde ich siebenhundert Kilometer und einen Besuch im Monat nicht überstehen. Sie erst recht nicht, hat sie gemeint. Ich habe gerade einen Job gefunden. Ich weiß noch, wie sehr sie sich für mich gefreut hat. Den aufzugeben und zu ihr zu gehen, das wäre schwer. Aber für die Liebe reist man auch bis ans andere Ende der Welt. Ich sehe auf das Foto, ich habe es mir extra ausgedruckt, damit ich sie auf dem Bahnsteig gleich erkenne. Wir fahren ein. Ich werde zurück gedrängelt und steige als Letzte aus. Auf dem Bahnsteig begrüßen sich mehr als hundert Pärchen. Kinder stürzen sich in die Arme ihrer Mütter. Ich kann sie nirgendwo sehen. Mein Handy. Sie fragt, wo ich stehe. Ich antworte ihr. Mein Herz rast, ich kriege kaum noch Luft. Ich weiß nicht, was ich tun werde, aber sie kommt nicht. Hat sie einen Rückzieher gemacht? Quatsch, sie hat gerade angerufen, sie war auf dem Bahnhof, ich habe es gehört. Bin ich falsch ausgestiegen? Nein, geht auch nicht. Der Bahnsteig leert sich und ich bekomme eine Übersicht, aber sie ist nicht zu sehen. Hinter mir begrüßt jemand einen Ausgestiegenen. Wo ist sie? Jemand tippt mir auf die Schulter und sagt erneut Hallo. Galt die Begrüßung mir? Ich schlucke und drehe mich um, aber sie ist es nicht.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Hallo.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Diese Frau lächelt mich an. Kenne ich sie? Unsinn, ich war noch nie in dieser Stadt. Ich kenne nur… Ungläubig stelle ich ihren Namen als Frage.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ja. Habe ich mich so verändert? Ich war doch nur beim Friseur.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Ich ziehe das Foto aus meiner Hosentasche. Nein, da war jemand nicht nur beim Friseur.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Wer ist das?“ fragt sie und sieht auf das Foto.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Das bist du.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Das wüsste ich aber.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Diese Frau lächelt mich an. Sie ist wunderschön. Die langen, braunen Haare liegen auf den Schultern auf, kräuseln sich leicht. Die grünen Augen sehen mich lachend an. Augen können nicht lachen. Wer das behauptet, hat sie noch nie gesehen. Ihre Lippen berühren meine Wange. Langsam, ganz langsam dämmert mir, was hier gespielt wird. Gregor. Dieser…</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Gregor hat mich reingelegt. Er hat mich angelogen, dieser…“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">…wunderbare, beste Freund. Ohne ihn hätte ich mich nie mit ihr getroffen. Ich hätte nie gelernt, dass der Liebe das Aussehen egal ist, wenn sie erst einmal zugeschlagen hat. Ganz sicher spielt das Äußere eine Rolle, aber wenn man sich verliebt hat, ist alles zu spät. Deshalb werde ich das Bild dieser Frau aufheben und wenn ich zurück bin, werde ich Gregor trotzdem erwürgen. Aber jetzt genieße ich die Woche mit ihr. Sie nimmt meine Hand. Ihre Haut schmiegt sich weich an meine. Ich kann ihren Duft wahrnehmen. Sie küsst mich, während wir gehen. Die Aufregung ist verschwunden. Wir sind zusammen. Wir gehören zusammen. Alles ist perfekt.</p>
]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Ein Tag einer Berliner Rostbratwurst. Schnurre.]]></title>
<link>http://prenzlmaler.wordpress.com/?p=464</link>
<pubDate>Mon, 30 Jun 2008 23:17:22 +0000</pubDate>
<dc:creator>prenzlmaler</dc:creator>
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<description><![CDATA[Nun liegen wir hellen Glitscherschläuche auf dem Rost, um in Berliner Manier gebräunt oder verkohl]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p>Nun liegen wir hellen Glitscherschläuche auf dem Rost, um in Berliner Manier gebräunt oder verkohlt zu werden. Wenn auf der Kreidetafel "Berliner Rostbratwurst" in riesigen Lettern zu lesen ist, verfinstert sich meist das Gesicht des Gastes zu einer Gewitterwolke. Wir haben es wirklich nicht einfach, da wir uns gegenüber  den Kollegen aus Thüringen wie erbärmliche Fehlgeburten vorkommen. Woran mag das nur liegen, dass wir Hauptstädter nur gefragt sind, wenn der äußerste Hunger uns reintreibt und keine Thüringer Rostbratwurst in der Nähe ist ? Haben wir kein Recht, gut gewürzt auf den Markt zu kommen ? Müssen wir stets und ständig lasch schmecken, damit Thüringen die Nase vorn hat ? Wer weiß, was sich die Fleischerinnung da auf die Dauer ausdachte, um uns Berliner Fadwürsten den verteufelten Ruf zu erhalten.</p>
<p>Heute haben wir ein Grillgastspiel im Prenzlauer Berg am Tage des EM-Finales Deutschland gegen Spanien. Ausgestreckt ruhen wir auf dem verkohlten Grill des Betreibers, der uns anständig Feuer unter den Hintern macht. So richtige Freude will da nicht aufkommen. Im Selbstversuch hat der Obergrillmeister ein Stück von einem Gleichgesinnten abgeknabbert. Das war mutig. Anschließend spülte er das kleine Häppchen mit einem Glas Pils runter. Es scheint gut gegangen zu sein.</p>
<p>Bisher kosteten die Thüringer Rostbratwürste 1,50 Euro und gingen ab wie Veilchen im Winter. Wir Berliner Grillschlingerlinge kosten am Finaltag 2 Euro, um uns aufzuwerten. Ob mit dieser Taktik die Nachfrage nach uns Kreationen der Berliner Fleischerinnung steigt, wagt jeder von uns unverzüglich zu bezweifeln. Ein Hungriger näherte sich dem Stand und meinte: "Wenn ich die Dinger sehe, weiß ich wo Deutschland landet."</p>
<p>Ich gehe jede Wette ein, dass es vereinzelt Mägen gibt, die uns nach urbanen Verdauungsversuchen ohne ernsthafte Schäden überstehen. Für diese Sorte Feinschmecker sind wir wie geschaffen. Vielleicht sollte man ein großes Schild in unserer Nähe aufstellen, wo man unzweideutig die Risiken und Nebenwirkungen beim Verzehr von Berliner Rostbratwürsten einschätzen kann. Man sollte endlich mit dem Vorurteil aufräumen, man habe die auf den Fliesen liegenden Innereireste von Schweinen in unseren Naturdarm gestopft. Solche erbärmlichen Hirngespinste lehnen wir ab. Widerwärtig ist auch die Tatsache, dass man in einer Rostbratwurstliste aus Sicherheitgründen die Berliner Rostbratwurst gar nicht erst erwähnte, hingegen sogar die Olmar-Bratwurst aus St. Gallen aufgeführt wurde. Das ist schlicht und ergreifend Diskriminierung und verstößt vermutlich sogar gegen das Grunzgesetz. Allerdings ist uns bekannt, dass das Wissen der Berliner Fleischer von Generation zu Generation unter vorgehaltener Hand weitervererbt wird und somit unser traditionsverwurzelter Ruf erhalten bleibt.</p>
<p>Während ich aus meinem Bratwurstleben berichte, treibt uns die Hitze das letze Gramm Fett aus der Pelle. Man trieft vor sich hin und wartet auf ein Wunder. Plötzlich schießen Stichflammen zum Himmel und einige von uns angebräunten Brutzler krümmen sich in der Feuersbrunst. Der Grillmeister schüttet einige Glas Bier über die Kohle, wobei dunkle Rauchschwaden den Berliner Himmel verdunkeln. In diesem Moment schießt Spanien ein Tor !</p>
<p>Geschwärzt gucken wir entgeistert einen Kunden an. Er wählt mich aus. Er scheint sich mit uns Grillwürsten auszukennen und verlangt als Beiwerk fünfzehn Löffel Senf. Ha, da habe ich noch einmal Glück gehabt, die anderen Kollegen bleiben auf dem heißen Roste liegen.</p>
<p>Eine Berliner Schnurre von Dieter Raedel.</p>
]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Juhu! Meine erste Story live bei der SZ! :-)]]></title>
<link>http://h34t533k3r.wordpress.com/?p=8</link>
<pubDate>Sun, 29 Jun 2008 21:52:35 +0000</pubDate>
<dc:creator>HeatSeeker</dc:creator>
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<description><![CDATA[Seit diesem Wochenende ist meine erste SM-ige Kurzgeschichte bei der SZ online. Den ersten Teil von ]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p>Seit diesem Wochenende ist <a href="http://www.sklavenzentrale.com/?act=mag&#38;artID=3198" title="&#34;Preis der Nachlässigkeit&#34; (Teil 1) &#8212; erotische Kurzgeschichte in 10 Teilen von HeatSeeker (Sklavenzentrale)"><b>meine erste SM-ige Kurzgeschichte bei der SZ</b> online. Den ersten Teil von <b>&#34;<i>Preis der Nachlässigkeit</i>&#34;</b> findet ihr <u><b>hier</b></u></a> bei Interesse. <br />
(Die Redaktion hat das nicht ganz so kurzgeschichtige Werk in 10 Teile unterteilt, u.a. aufgrund von Limitationen des Redaktionssystems, afaik. Ein <a href="http://www.sklavenzentrale.com/?act=mag&#38;artID=3258" title="&#34;Preis der Nachlässigkeit&#34; &#8212; (Links zu allen 10 Teilen)">Link zu allen Kapiteln</a> findet sich jedoch immer am Fuße jedes einzelnen Teil(artikel)s.)</p>
<p>Was mich aber noch viel mehr freut als die Tatsache, dass ich die redaktionelle Hürde geschafft habe, ist das positive Feedback, das ich auf die/se Geschichte erhalte. Viele Menschen haben mir schon geschrieben, dass Ihnen die Story gefallen hat; und das ist echt der schönste Lohn. <br />
<b>Vielen Dank dafür</b> nochmal an dieser Stelle, sollte einer von euch dies zufällig lesen.</p>
]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[17]]></title>
<link>http://schreibtagebuch.wordpress.com/?p=214</link>
<pubDate>Fri, 27 Jun 2008 21:22:04 +0000</pubDate>
<dc:creator>Robbe</dc:creator>
<guid>http://schreibtagebuch.wordpress.com/?p=214</guid>
<description><![CDATA[„Manche Menschen überraschen dich und manche Menschen hauen dich einfach um.“ In dem Moment, al]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Manche Menschen überraschen dich und manche Menschen hauen dich einfach um.“ In dem Moment, als diese Worte in Grey’s Anatomy gesprochen worden waren, seufzten Millionen Herzen in der Welt auf. Meines auch, das darf ich, ohne mich schämen zu müssen, zugeben. Es gibt einfach so Sprüche, die jedes Herz hinreißen, selbst wenn man es eigentlich schnulzig findet. So wie Denni. <!--more-->Denni hasst solche Sendungen und steht eher auf Horrorfilme, bei denen das Blut literweise über die Leinwand spritzt. Oder Actionfilme, in denen Bruce Willis sich aus fahrenden Autos schmeißt, fünfzig Kugeln abbekommt und trotzdem weiterlebt oder nur ganz langsam stirbt. Als dritte und letzte Option beim Filmschauen stehen noch die Komödien offen, die müssen aber so selten dämlich sein, dass mich alleine der Anblick der Schauspieler schon schmerzt. Wenn nichts Gutes im Fernsehen läuft, spielt Denni auch gerne Computerspiele. Am liebsten natürlich Ego Shooter. Es geht doch nichts über derbe Machosprüche, Gewehre, die mehr Masse haben als das eigene Gehirn und coole Typen, die sich im Dreck herum rollen und sich hinter Häuserwänden verstecken. Wenn das dann doch mal langweilig wird, erschafft man sich einen mit einer oder auch mal zwei Äxten bewaffneten Ork, der sich prügelnd durch die Welt des Kriegshandwerks bewegt. Sollten denn alle Medien versagen, darf es auch schon einmal die eigene körperliche Ertüchtigung sein. Jene findet Denni natürlich nicht beim Aerobic-Kurs im Frauensportstudio um die Ecke. Nein, nur da, wo sich echte Kerle herumtreiben. Darum hat sich Denni aufs Boxen festgelegt, wo sie zwar mit Männern verkehrt, die sie eigentlich hasst, aber denen sie so ab und an richtig auf die Schnauze hauen darf. Heute aber schaltet Denni, nachdem sie sinnlos die Sender durchgezappt hat und auf keinen Horrorfilm gestoßen ist, die Glotze einmal aus. Sie zieht die Tür ihres improvisierten Kleiderschrankes auf und holt das beste Baumwollhemd heraus, das sie auftreiben kann. Dazu noch die Arbeitermännerjeans mit besonders viel Schrittfreiheit, etwas Gel in die Haare, die, zwar zu kurz zum kämmen, nach hinten gezogen und an den Kopf gepresst werden, bis die Coolness eines Mannes fast perfekt nachgeahmt ist und schon kann es losgehen. Es ist Freitagabend und das Szenelokal, gleich gegenüber des Frauensportstudios, wo ein guter Blick auf die verschwitzten oder frisch geduschten Frauenkörper gewährt ist, hat auch schon geöffnet. Beim Eintreten werden die Anwesenden mit einem kurzen, aber ausreichenden Kopfnicken begrüßt. Denni tritt an die Theke, an der zwei weitere Frauen sitzen, beide mit glasigem Blick und Schnapsglas vor der Nase. Als Erstes wird eine Zigarette angekündet, bevor die Barfrau mittleren Alters, mit tätowierten Armen, kurz geschorenen Haaren und Ring im Nasenflügel, sich tief brummend danach erkundigt, was Denni trinken möchte. Schon greift sie zum Zapfhahn und stellt ein ordentliches Glas Bier auf den Tresen. Denni nimmt das Bier, dreht sich um. Ihre Knie bewegen sich auseinander, der Arm ohne Bier stützt sich auf dem Tresen ab, der Andere bewegt das Glas zum Mund. So stellt man sich doch einen entspannenden Abend vor.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Zur gleichen Zeit sind Lara und ihre zwei besten Freundinnen noch dabei, die Taschentücher wegzuräumen, denn Grey’s Anatomy war heute wieder so schön. Und am Ende haben sich die zwei Hauptakteure ja doch wieder gekriegt. So lobt sich Lara das Fernsehen. Solch schöne Lovestories sind viel zu selten geworden, meistens wird sich nur herumgeprügelt oder Blut vergossen, doch wo ist die Zeit der großen, herzzerreißenden Dramen hin wie Vom Winde ver-weht? Nichts von alledem läuft heute Abend. Wenn das Fernsehen sich gegen eine weibliche Note versperrt und sich Elton und Simon an Stumpfsinn wieder einmal übertreffen, heißt es aber nicht verzweifeln, dann gibt es immerhin noch andere Möglichkeiten, wie man sich seine Zeit vertreiben kann. Zwar haben alle Läden geschlossen, aber dank des World Wide Web ist es ja inzwischen möglich, sogar nachts shoppen zu gehen. Aber der Zenit des Monats ist überschritten, das Geld von Papa, das für Studienbücher vorgesehen war, ist längst für Schuhe ausgegeben und ohne Geld macht shoppen eben keinen Spaß. Die Mädels haben außerdem keine Lust einen Freitagabend in der Wohnung zu verbringen. Nur zu dumm, dass das Nagel-/Kosmetik-/Haarstudio schon geschlossen hat, aber halt, ohne ausreichend Geld wäre das ja leider auch nichts geworden. Was also tun an einem völlig freien Abend? Da kann es nur heißen: Party! Vielleicht findet man ja auch den einen oder anderen netten Mann, der einem einen Drink ausgibt oder eine nette Frau. Doch dazu bedarf es des richtigen Outfits und obwohl Lara etwa zweihundert verschiedene Teile im Kleiderschrank, in der Kommode und im Schuhschrank im Flur verstaut hat, wollen die Kleider nicht zu den Schuhen und die Oberteile nicht zu den hautengen Jeans passen. Es ist zum Verzweifeln! Wie gut, dass es die besten Freundinnen gibt, die beratend zur Seite stehen, sich hier und da selbst ein Teil ausborgen und von dem tollen Fahrradkurier heute Morgen erzählen, der für den Chef ein Päckchen gebracht hat. Und was für Waden der hatte! Aber durch das Fahrradfahren bestimmt auf Pfirsichkerngröße geschrumpfte Hoden. Doch da taucht ein neues Problem auf. Wie sollen wir die langen Haare tragen? Offen, zusammengebunden, hochgesteckt, geglättet, leicht gewellt, mit Haarspray, ohne Haarspray, ein Dilemma! Lara entscheidet sich auf Drängen ihrer Freundinnen für die glatte, offene Variante und nachdem das richtige Parfüm auf dem Körper, dem Ganzen, verteilt wurde, kann es auf die Piste gehen. Das Moonlight ist nur ein paar Straßen entfernt, Zeit sich ausgiebig über den Fahrradkurier zu unterhalten, bis man leider vor verschlossenen Türen steht. Ganz genau, das Moonlight hat wegen Renovierung geschlossen. Das haben die Drei aufgrund der aufregenden Erlebnisse mit dem Fahrradkurier anscheinend vergessen, aber es gibt eben wichtigere Themen als Renovierungsarbeiten und wann sie stattfinden. Aber was jetzt? Da fällt Laras Freundin etwas ein. Es gibt hier gleich in der Nähe, für Stöckelschuhe kein Problem, doch so einen Schuppen, wo nur solche Baumwollmannsweiber hingehen. Da könnte man sich doch den Spaß machen und mal vorbei schauen. Es ist Freitagabend und das Moonlight ist geschlossen, also was soll’s? Als sich die Tür zum Unbekannten öffnet, dringt eine Rauchwolke nach außen und der Geruch setzt sich in den frisch gemachten Haaren ab. Blues und Jazz aus den achtziger Jahren dringen an ihre Ohren. Ihre Freundinnen zögern, doch Lara geht voran. Sie ist neugierig geworden und wenn sie an einem solchen Abend schon nichts anderes zu tun haben, warum sich dann nicht auf feindliches Territorium bewegen? Ihre Freundinnen folgen ihr, alle dicht beisammen, denn was das feminine Auge erblickt, gleicht einem der grauenerregenden Horrorfilme, um die sie so gerne einen Bogen machen. Frauen, als solche auf den ersten Blick nicht erkennbar, mit Baumwollhemd, Lederjacken, kurzen Haaren, Zigaretten oder Zigarren in den Händen, alle mit etwas zu viel Körpermasse und manche mit zu viel Behaarung im Gesichtsbereich, sehen sie an, als kämen sie von einem fremden Stern. So fühlt sich Lara auch. Das ist nicht ihre Welt, das ist das Unterreich, in dem sich die Ausstöße der Höllensphären versammelt haben. Geschöpfe jenseits des Weiblichen. Die Gespräche sind verstummt, als die Drei sich an die Theke setzen. Die Bar… Lara zögert, schaut noch einmal richtig hin. Ja, doch, die Bar<em>frau</em> hat die Stirn gerunzelt und nähert sich eher zögerlich. Nur langsam werden die Gespräche wieder aufgenommen. Was die Drei hier wollen, werden sie angeherrscht und Lara antwortet, trotzig und selbstbewusst, sie würden gerne einen schönen Abend verbringen. Die Barfrau bleibt skeptisch, schiebt ihnen aber drei Gläser mit Bier hin, die Lara nachdenklich beäugt. Bier? Das trinken doch nur Kerle. Naja, vielleicht ein kühles Blondes auf einem Stadtfest, aber doch kein Schwarzbier in so einer Kneipe.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Haben Sie vielleicht auch Wein oder Sekt?“ fragt sie darum nach und erntet völlig verständnis-lose Blicke. Zu ihrer Rechten bricht jemand in leises Lachen aus. Als sich Lara entrüstet umsieht, entdeckt sie Denni, die das Auftreten der drei Damen mehr als belustigend findet. Wie sie da gerade durch die Tür geschritten sind, die Eine voran, mit steifem Schritt, die anderen ängstlich, sich hinter ihr verkriechend. Das war nicht nur frech, sondern auch selten dämlich. Mädchen wie die Drei haben hier nichts verloren. Lesben sind das immerhin keine, die tragen schließlich keine langen Haare, Stöckelschuhe oder Ohrringe. Von Letzteren maximal noch Einen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Hör mal, Schneckchen, wir sind eine Kneipe und keine Proseccobar, kapiert?“ Die Barfrau hat beide Arme auf den Tresen gestemmt und Lara fürchtet, sie springt sie sofort an, wenn sie noch ein Wort sagt. Also nickt sie und grinst mit ihren Freundinnen um die Wette, bis sich ihr Blick wieder zu Denni wendet. Die sitzt noch immer breitbeinig, mit Bier in der Hand da und schaut zwei Pärchen auf der Tanzfläche zu. Dort zeigt sich Lara das Bild vermeintlich heterosexueller Norm. Der männliche und der weibliche Part, wobei die weiblichen Frauen ihr äußerst demütig erscheinen, wie die braven Hausfrauen aus den Fünfzigern. Hier hat der Feminismus jedenfalls noch keinen Einzug gehalten und solche Frauen sind dafür verantwortlich, dass viele Ideale auch wieder baden gehen, denkt sie sich und nippt an ihrem Bier. Denni ihrerseits beobachtet Lara aus den Augenwinkeln. Wie sie da sitzt, in ihrem kurzen Minikleidchen, das kaum ihre Brüste halten und ihren Schoß verdecken kann und nach einem Wein verlangt. Solche Weibchen sind Schuld daran, dass Frauen von der Männerwelt immer noch nicht respektiert werden. Die ist so strohdumm, die taugt eh nur dazu, vor ihrem Chef zu knien, wann immer er Lust verspürt. Aber schön ist sie trotz alledem. Nur keine, die einfach so mit auf die Toilette kommt. <span> </span>Mehr ver-spricht sie sich von den Begegnungen in dieser Kneipe nicht, auch wenn es schön wäre, wenn es da jemanden gäbe, der abends zusammen mit ihr auf der Couch sitzt und Kunstblutorgien gut findet. Lara und ihre Freundinnen beschließen, dass es genug ist, mit dem Spaß. Die Musik gefällt ihnen nicht und die Blicke, die sie zugeworfen bekommen, behagen ihnen nicht. Also zahlen sie. Auf dem Weg nach draußen muss Lara feststellen, dass Dennis Gesichtszüge ihr gefallen. Im Moonlight gibt es zwar viele weiblichere Frauen, aber die Meisten sind nicht lesbisch und wenn doch, entsprechen sie meist Klischees, die sie selbst vertritt, aber abgrundtief hasst. Eine Frau, die sie versteht und bei der sie sich anlehnen kann, wird sie jedoch nie dort finden, hat sie das Gefühl. Als Lara und ihre Freundinnen gehen, ist Denni enttäuscht. Doch zugeben würde sie das nie, denn solche Weibchen hat sie nicht nötig. Frauen, die nur eine Inszenierung eines Rollenbildes aufrechterhalten. Aber dann sieht Lara sich noch einmal um und sie kann nicht anders, als kurz zu lächeln. Lara lächelt zurück, doch da schließt sich die Tür hinter ihr und sie sind wieder in der anderen Welt. Ihre Freundinnen beginnen lauthals zu lachen und sich über die Frauen dort aufzuregen. Sie ist in Gedanken bei Denni und dem warmen Lachen, als sie sich über die Bestellung lustig gemacht hat. Doch niemals käme in Frage, so eine Frau in ihr Bett zu lassen. Da kann sie sich auch gleich einen Mann nehmen. Freudig lästert sie mit ihren Freundinnen über die Barfrau. Währenddessen hat sich in der Kneipe an der Theke eine Traube gebildet, wo sich über die drei Femmes und über ihr Erscheinen aufgeregt wird. Zwar hätten sie geile Ärsche gehabt, aber so was dürfte den Laden nicht betreten, wenn es sich so aufführt. Denni hält sich aus den Diskussionen heraus und verabschiedet sich. Wiederum reicht ein kurzes Nicken. Einsam kehrt sie in ihre Wohnung zurück, wirft ihre Sachen achtlos in den Kleiderschrank und legt sich auf die Couch. Es ist Mitternacht, irgendwo läuft jetzt garantiert ein Horrorfilm zum Ablenken. Mittlerweile ist Lara aus der Dusche getreten und betrachtet sich im Spiegel. Ob sie wohl auch so ein Klischee erfüllt wie diese Frauen in der Kneipe? Aber nein, sie macht nur das, was sie mag und für richtig hält und diese Frauen, die machen Männer aus sich und stempeln Frauen wie Lara als minderwertig ab. Sie ist froh, nicht so intolerant zu sein. Eine Stunde, nachdem Lara eingeschlafen ist, steigt Denni aus der Badewanne und kämmt die nassen Haare nach hinten. Vielleicht sollte sie sie wachsen lassen, aber warum? Um mehr zu gefallen? Es gefällt ihr und das ist doch das Entscheidende. Nein, wegen solchen sich unterwerfenden Frauen wird sich Denni nicht ändern.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Ihr meint, dass ich maßlos übertreibe mit meiner Schilderung und den gezeichneten Figuren, Denni und Lara? Vollkommen richtig. Obwohl es vom maskulinen, wie vom femininen Lager immer wieder schallt, dass es eben solche Prototypen sehr wohl gibt. Doch vielleicht ist es ja möglich, dass solche Prototypen nichts weiter als Menschen sind, deren Äußeres sich nach Idealen orientiert, aber deren Inneres ebenso individuell ist wie das anderer Menschen und dass sich die verfeindeten Lager nur einfach noch nie genauer miteinander auseinander gesetzt haben? Vielleicht können wir das ja ändern. Womöglich können Denni und Lara, zwei Menschen auf der Suche nach Halt und Liebe, ja doch noch zueinander finden, nachdem ihr Anfang so kläglich gescheitert ist.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Früh am Montagmorgen schlägt Denni die Augen auf. Gerade hat sie von Laras Augen geträumt. Das zweite Mal seit Freitagabend. Langsam kommen ernsthafte Fragen in ihr auf. Könnte es sein, dass sie sich von dieser Frau angezogen fühlt, obwohl sie eben jenem Frauentyp entspricht, den sie stets verurteilt? Auf dem kleinen Balkon schnappt Denni ordentlich Luft, dehnt und streckt sich und der Tag kann beginnen. Die Vorbereitungen auf die Arbeit lassen sie Lara für einen Moment vergessen. Aus ihrem Kleiderschrank fischt Denni – Überraschung – einen schwarzen, gebügelten Anzug und ein weißes Hemd. Anstatt ihre Haare mit Gel zu versorgen, wird dem Gewuschel ein Mittelscheitel gezogen, so dass Denni nach zwanzig Minuten zwar noch immer aussieht wie ein attraktiver, junger Mann. Doch inzwischen hebt sie sich deutlich von den Frauen ab, mit denen sie an den Freitagabenden zutun hat. Sie steht vor dem kleinen Spiegel im Flur. Sie ist zufrieden, wie immer wird sie einen guten Eindruck im Gericht machen. Nur der Anzug kneift ein bisschen, aber das haben Anzüge eben an sich. So begibt sich Denni nach einem kurzen Cornflakesfrühstück auf den Weg zu ihrer Arbeitstelle als Rechtspflegerin.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Vieles an diesem Morgen verläuft ähnlich zu Laras Programm, die nur wenige Minuten nach Denni aus einem Traum erwacht. Sie schließt kurz die Augen und ruft sich die rundlichen Gesichtszüge der Burschikosen von Freitagabend in Erinnerung. Ihr Traum war so real und intensiv, dass sie noch immer Herzklopfen hat. Das erzählt sie lieber nicht ihren Freundinnen, die würden sie für verrückt erklären. Noch müde begibt sie sich in die Küche und schüttet Müsli in eine Schale, welches sie genüsslich und ungestört verzerrt. Zu ungestört. Ihre Wohnung gleicht einem Grab. Um die Stille zu überbrücken, zieht sie sich an. Weil es sie nur in die Uni treibt, braucht sie nicht solange wie am Freitag. Eine Jeans und ein Poloshirt tun es auch, die Haare bindet sie zusammen und zu den Jeans passen sowieso nur die blauen Turnschuhe. Keine Spur von Glanz und Glamour, nichts mehr da vom Make-Up-Rausch, der Deo-Roller ersetzt das Ganzkörperparfüm und sie fühlt sich sauwohl damit. Zwei Laras leben in ihr, manchmal auch mehr. Ob es bei Denni ähnlich ist? Ob sie vielleicht sogar schon einmal ein Kleid getragen hat? Unvorstellbar, diese Frauen sind Mechanikerinnen, Fleischerinnen oder Handwerkerinnen, die bestimmt den ganzen Tag nur in bulliger Arbeitskleidung durch die Gegend laufen und auch abends das Baumwollhemd nicht wegschmeißen können. Mit diesen eher betrüblichen Gedanken verlässt sie das Haus und läuft durch den kleinen Park, auf dem Weg zur Uni. Es ist angenehm kühl, auch wenn die Sonne scheint. Die Luft riecht wunderbar nach Sommeranfang und auf dem kleinen Spielplatz erfreut sich eine Kindergartengruppe. Denni hat sie auch entdeckt, die Kinder, die auf der Schaukel sitzen, Fangen spielen, sich in dem Baumhaus verstecken oder Sandburgen bauen. Sie bleibt stehen und sieht ihnen eine Weile zu. Dieser Ort befreit sie von all ihrem Dasein, er macht sie unabhängig von Bewertungen, hier steckt sie nicht im Anzug oder in Män-nerjeans, hier steckt sie nur in ihrer Haut. Ein Ball fällt ihr vor die Füße. Ein Junge mit Baseball-cap kommt angelaufen und hebt ihn auf. Als er hochsieht, wird die Hälfte seines Gesichtes von dem Cap bedeckt, so dass er seinen Kopf weiter in den Nacken werfen muss. Denni packt den Schirm der Mütze und dreht ihn nach hinten. Der Junge lacht und rennt zur Kindergärtnerin, die ihn gerufen hat. Lara hat die Szene beobachtet. Ein Mann im Anzug, der sich so liebevoll um Kinder kümmert, das ist ihr noch nie passiert. Sie stellt sich neben ihn und sieht, wie der Junge dem Mann zu winkt. Er winkt zurück, doch als Lara genau hinsieht, bleibt ihr der Atem weg. Denni fällt die junge Frau zu ihrer Seite erst später auf. Sie sieht gut aus in dem Shirt und den Jeans und mit den offenen, braunen Haaren, die ihr…</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Du?“ fragen sie Beide gleichzeitig und deuten aufeinander. Lara kann nicht glauben, was sie sieht. Von dem kerligen Machogehabe am Freitagabend ist bei Denni nichts übrig geblieben. Der Anzug sitzt perfekt, ist sogar gebügelt, die Haarspitzen bedecken ein Stück ihrer Stirn und statt einem Bier hat sie einen Aktenkoffer in der Hand. Auch Denni ist sichtlich überrascht, dass das vermeintliche Weibchen auch Jeans trägt und zwar keine, die nur hauteng am Körper anliegt. Das Dekolletee ist ebenso schön, wenn auch nicht so auffallend in Szene gesetzt und um ihren Körper zieht sich der Gurt einer ledernen Tragetasche. Sie sieht großartig aus, denken Beide, bevor sie sich schweigend gegenüber stehen. Denni würde ja gerne etwas sagen, aber sie ist zu schüchtern und man lässt der Dame den Vortritt. Lara ahnt, dass Denni lieber die Initiative ergreifen will, denn immerhin ist sie in diesem noch nicht begonnenen Gespräch ja der männliche Part und der übernimmt für gewöhnlich die Führung.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">‚Andererseits ist es unhöflich, eine Frau nicht als Erstes zu grüßen’, meint Denni.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">‚Aber warum sollte ich ihr den Vortritt lassen? Ich bin immerhin gleichberechtigt’, so Lara.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Hallo!“ sagen sie, wiederum gleichzeitig und müssen Beide lachen. Lara bekommt Gänsehaut, als der warme Ton von Dennis Stimme sich wohlig in ihren Ohren verkriecht.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Du siehst so anders aus. Ich habe dich gar nicht wieder erkannt“ beeilt sie sich zu sagen und reibt sich verlegen den Arm, damit die Gänsehaut verschwindet. Denni freut sich, dass sie sie überhaupt wieder erkannt hat. Das bedeutet, dass sie ihr aufgefallen ist.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ja, du auch“, ist alles, was sie hervor bringt. In solchen Gesprächen ist sie einfach nicht gut.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Und wohin gehst du? Du hast dich ja so schick gemacht.“ Lara ergreift das Jackett und rupft kurz daran herum, als wäre es faltig. Sofort lässt sie es wieder los. Was tut sie da?</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich bin auf dem Weg zum Gericht.“ Zum Gericht. Aha, sie hat also eine Verhandlung? Hat sie sich etwa in der Bar vom Freitag geprügelt und jetzt eine Anzeige am Hals? Denkbar wäre es, aber Denni sieht nicht aus, als würde sie sich prügeln. Sie sieht allerdings auch nicht nach Anzug aus. Irgendein Stück von Laras Baumwollhemdenwelt ist gerade abgebrochen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Hast du jemandem eine drauf gehauen?“ fragt sie und lächelt dabei, um die Frage nicht ganz so ernst klingen zu lassen, aber Denni versteht, was dahinter steckt und ist gekränkt. Doch in einer Ecke ihres Klischeedenkens wird ihr bewusst, dass sie nicht viel besser ist.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Nein, ich arbeite dort als Rechtspflegerin. Und wohin verschlägt es dich? Ins Nagelstudio?“ Sie neckt sie und Lara versteht den Seitenhieb. Sie nimmt es ihr nicht übel und ist überrascht, dass Denni weder Mechanikerin, noch Handwerkerin ist, sondern einem Beruf der Oberschicht nach-geht. Aber warum sollte sie auch nicht? Irgendwer hat doch einmal gesagt, dass solche Frauen auch Karrierefrauen sind und von Familie und Gefühlen nichts wissen wollen. Nur hat ihr nie irgendwer gesagt, dass es auch Frauen wie Denni gibt.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Gott, Menschen wie du haben auch Humor? Ich bin auf dem Weg zur Universität“, antwortet sie schnippisch, weil sie völlig verwirrt ist. Denni lächelt kaum, ihr ist die Situation unangenehm. Gerade war der Funke in ihr entflammt, dass Lara womöglich anders sein könnte, als die Weib-chen, die ihr sonst so über den Weg gelaufen waren, aber die Bemerkung erstickt den Funken.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Und Menschen wie du besitzen soviel Intelligenz, dass sie die Uni besuchen? Wie oft bist du schon durch die Zwischenprüfung gerasselt oder studierst du nur so nebenbei, weil Papi es dir finanziert, aber insgeheim willst du dir nur einen gut aussehenden Rechtswissenschaftsstudenten angeln, den du heiraten und für den du dann die Beine breit machen kannst?“ Die Wut treibt die Worte voran, die Lara treffen. Sie rückt den Gurt ihrer Tragetasche zurecht und geht an Denni vorbei. Sie ist es doch, die dieses Bild des Zusammenlebens propagiert. Lara hat vor, ihr Geld alleine zu verdienen, dazu braucht sie weder einen Mann, noch eine Frau wie Denni. Diese steht da und kommt sich vor wie ein kleines Kind. So läuft das doch immer mit den Femininen ab. Man wirft sich gegenseitig etwas vor und bemerkt, dass die Gegenseite, wie man selbst, die gleichen, unsinnigen Ansichten vertritt, aber zugeben geht gegen die Ehre. Dennis Ehre wird an diesem Morgen nicht verletzt, denn als sie sich umdreht, ist Lara ein gutes Stück entfernt und macht nicht den Eindruck, als würde sie sich noch einmal umdrehen. Dabei hätte sie gerne noch einmal ihre Augen gesehen. Als Denni den Weg zum Gericht wieder aufnimmt, dreht sich Lara nach ihr um. Sie hätte nicht gleich beleidigt sein sollen, sie war ja auch nicht fair. Warum haben sie diese Worte nur so verletzt? Lag es daran, dass sie nicht zu Dennis Stimme passen wollten, die schon auf dem Weg von ihren Ohren in Richtung ihres Herzens war? Gleichzeitig stellt sich ihr die Frage, ob ihre Begegnung auch so verlaufen wäre, wenn sie sich nicht zuvor schon kennen gelernt hätten. Hätte sie dieselben Vorurteile gehabt? Wahrscheinlich nicht. Sicher, Denni sah wieder aus wie ein Mann, aber auf eine angenehme Art. Das hätte sie bestimmt akzeptieren können. Sie wären ins Gespräch gekommen, hätten die Nummern getauscht, wären zusammen essen gegangen. Das ist nicht mehr drin. Einmal Mannsweib, immer Mannsweib. Einmal Klischee, immer Klischee. Und dieses Vorurteil hat ihr gerade die Möglichkeit zu einer wunderbaren Verabredung vermasselt, wird ihr bewusst und dieser Gedanke wird sie den ganzen Tag verfolgen. Als Denni am Abend den Weg zurück durch den Park nimmt, sieht sie sehnsüchtig zum Spielplatz, der jetzt verwaist ist. Kind sein und völlig unbefangen, fern ab von Definitionen und Kategorisierungen, weit weg von Schubladen, in die heute doch keiner mehr passen kann. Sie setzt sich auf eine Schaukel und lässt sich ein wenig treiben, über ihr der Himmel, der sich dunkel färbt, vor ihr das Grün der Bäume und neben ihr eine Frau, die den ganzen Tag bereut hat. Sie halten die Schaukeln an und wenden sich einander zu.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Wir sind wirklich dumm“, beginnt Denni und Lara ist überrascht. Denni unterwirft sich? Moment, war sie nicht gerade dabei gewesen, nicht mehr in Klischees zu denken? Dazu gehört auch, dass Denni, selbst wenn sie männlicher erscheint, wohl keine Probleme damit hat, sich zu entschuldigen und damit den ersten Schritt zu machen, der keiner Demütigung gleicht.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Das kannst du laut sagen.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Wir sind wirklich dumm“, brüllt Denni in den Abendhimmel und lacht, dass Lara die Besin-nung verliert. Wie kann man nur so lachen? So voller Leben, wo man sich jeden Tag in ein konstruiertes Männerbild einzufügen versucht und nichts ist als eine Maske. Aber vielleicht versucht sie das ja auch gar nicht. Vielleicht findet sie Baumwollhemden einfach bequem, wie sie ihre Kleider schön findet. Demnach wären sie nur zwei Menschen mit unterschiedlichen Kleidungsgeschmäckern. Ganz so einfach ist es wohl nicht, aber auch nicht so schwierig, wie alle stets behaupten.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Hast du Lust, auszugehen?“ Sie fragt ganz unvermittelt und Denni verstummt. Hat sie das gerade gefragt? Sie will mit ihr ausgehen? Die meisten femininen Frauen, die sie kennen gelernt hat, haben einen großen Bogen um sie gemacht. Aber die meisten sind eben nicht Lara.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Gerne.“ Obwohl es Denni nicht behagt, geht sie auf Laras Vorschlag ein, am Freitagabend ins Moonlight zu gehen. Sie will Denni nicht vorführen, sie fühlt sich nur wohler in ihrer Welt als in Dennis. Auf die Idee, dass es etwas dazwischen gibt, ist sie noch nicht gekommen, doch während sie zum Hauptweg zurück schlendern und sich unterhalten, gehen sie Beide gleichzeitig ein Stück aufeinander zu. Als sie sich verabschieden, tauschen sie noch die Telefonnummern, nur zur Sicherheit. Da fällt Lara noch etwas Entscheidendes ein.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Mein Name ist übrigens Lara und deiner?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Denni.“ Lara unterdrückt ein Grinsen, aber was hat sie erwartet, dass sie Emilie heißt oder Sophia? Ganz sicher nicht. Sie reicht ihr die Hand und Dennis Hand fühlt sich weich an.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich freu mich sehr auf Freitag, Denni.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich mich auch.“ Damit trennen sich die Wege der Zwei, nicht aber ihre Gedanken. Obwohl sie glaubten, sie seien so verschieden, ist eine Verbindung zwischen ihnen geschaffen, die kein Vorurteil mehr zerstören kann. Nur die Verbindung zu stärken, wird ein schwieriges Unter-fangen. Dennis Probleme fangen schon am Freitagnachmittag an. Sie weiß, in ihrem Kleiderschrank ist nichts, was einem Lokal wie dem Moonlight angemessen ist. Im Anzug zu gehen, scheint ihr übertrieben. Darum hat es sie in ein Bekleidungsgeschäft verschlagen. Ratlos steht sie vor den Jeans und den Shirts. Normalerweise hat sie kein solches Problem. Sie kauft, was ihr gefällt, aber der heutige Abend ist etwas Besonderes, heute will sie nicht nur sich selbst gefallen, sondern vor allem Lara. Eine Verkäuferin tritt zu ihr und fragt, ob sie helfen kann.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich suche was für den Abend. Also, nicht so elegant, aber auch nicht so leger.“ Die Verkäuferin lächelt, während Denni unsicher ein T-Shirt ansieht. Zum Glück erkennt die Verkäuferin genau, was Denni braucht. Nämlich einen stilsicheren Geschmack. Sie probieren ein paar Jeans aus, bis ein bequemes, aber Diskotheken fähiges Exemplar gefunden ist. Die Auswahl der Shirts dagegen fällt schwerer, so dass sie sich letztlich doch für ein weißes Hemd mit schwarzem Aufdruck entscheiden. Als sie alles bezahlt, wünscht ihr die Verkäuferin noch einen schönen Abend. Den wird sie haben, versichert Denni, auch wenn sie in diesem Moment noch nicht daran glauben mag. Und Lara? Na, als ob es ein Mensch vor einer Verabredung jemals leicht hätte, das passende Outfit zu finden. Da sind feminine und maskuline Männer und Frauen garantiert alle gleich. Eine beruhigende Feststellung. Bestimmt taucht Denni auch nicht im Baumwollhemd auf, wie ihre Freundinnen ihr prophezeien, während sie heute Abend weniger daran beteiligt sind, bei der Kleiderauswahl zu helfen. Sie finden, dass Lara sich nicht mit so einer abgeben sollte, wenn sie schon auf Frauen stehen muss. Da gibt es doch so viele schöne, langhaarige, Kleider tragende, geschminkte, intelligente, Wein trinkende Frauen, die nur auf eine Frau wie sie warten. Da haben sie womöglich sogar Recht, aber sie haben alle nicht Dennis Stimme und ihr lebendiges Lachen. Dennis Gesichtszüge strahlen mehr aus als schöne Jugend. Der Schwärmerei mögen ihre Freundinnen nicht folgen, aber Lara weiß sich auch alleine zu helfen. Ein längeres Kleid mit Spaghettiträgern in einem hellen Ton soll es sein und dazu die offenen Haare, denn die scheinen Denni zu gefallen. Dann geht es los. Vor dem Moonlight verabschieden sich die Drei kurz, denn Lara will Denni lieber alleine begrüßen. Sie wartet an der Ecke, an der sie sich treffen wollten. Sie sieht gut aus und trägt kein Baumwollhemd. Es gefällt ihr, was sie sieht und Denni muss sich, als Lara zu ihr kommt, an die Worte aus Grey’s Anatomy erinnern: „Und manche hauen dich einfach um.“ Zurückhaltend begrüßen und machen sie sich gegenseitig Komplimente. Für Denni ist es zwar neu, auch Komplimente zu bekommen, aber es gefällt ihr. Lara nimmt ihr Hand und führt sie in das Lokal, das sich schon aufgrund der Klientel vollkommen von Dennis Stamm-kneipe unterscheidet. Zu viele Männer, zu viele Konkurrenten. Eigentlich mag sie sie nur darum nicht, weil sie sich ihnen nicht gewachsen fühlt. Schwanzneid, sozusagen, obwohl das schwachsinnig ist, wie sie selbst weiß. Die Frauen sind fast alle im Kleid gekommen, tragen lange Haare und sind neugierig, wen Lara da mit sich bringt. Denni fühlt sich sofort fremd. Das ist nicht ihre Welt, aber Lara zuliebe muss sie jetzt da durch. Sie setzen sich zu zwei von Laras Freundinnen an den Tisch. Denni kennt sie und sofort purzelt ihre Laune noch ein paar Stufen weiter in Richtung Keller. Sie unterhalten sich ein bisschen, aber die Stimmung ist angespannt. Als sich der Laden füllt und sich einige Männer an den Tisch setzen, auch mit Lara flirten, scheint die Luft für Denni stickiger zu werden. Sie gehört nicht hierher, das machen auch alle, bis auf Lara, ihr durch Blicke und spitze Bemerkungen begreiflich.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Hast du Lust zu tanzen?“ Laras Atem streift ihr Ohr, sie kann den Duft von Pfirsichen wahr-nehmen, der von ihrem Mund und ihrem Glas ausgeht. Sie sieht die Männer und die Frauen an ihrem Tisch an. Sie erhebt sich und drängelt sich durch die Massen zum Ausgang. Lara ruft ihr noch hinterher, aber sie muss hier weg. Wie hat sie nur annehmen können, dass sie diesen Abend schon überstehen würde? Und selbst wenn? Niemals würden diese Menschen sie akzeptieren, ebenso wenig wie die Frauen in ihrer Stammkneipe mit Lara zurecht kämen. Jene starrt noch immer auf die Tür, durch die Denni gerade verschwunden ist. Weg, einfach so.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Hat wohl keine Lust zu tanzen, was?“ Am Tisch bricht Gelächter aus und Lara versteht.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Wir könnten zusammen tanzen.“ Einer der Männer erhebt sich. Lara findet sein Lächeln nett, aber den ganzen Abend über hat er versucht, sich vor den anderen Männern aufzuspielen, sie zu beeindrucken. Selbst wenn er netter ist, als er den Eindruck gemacht hat, sie hasst solche Spielchen. Denni hat sich nicht darauf eingelassen, sie hat sich nicht provozieren lassen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Habe ich dich gefragt, ob wir miteinander tanzen wollen?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ähm, nein, aber deine Verabredung ist gerade gegangen und ich dachte…“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Wenn ich dich nicht frage, heißt das, dass ich nicht mit dir tanzen will und jetzt entschuldige mich. Ach und noch was, wer solche Sprüche abgibt, wie du, ist ein Versager.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Damit wendet sie sich um, während er zurück bleibt. Seine Kumpels lachen ihn aus. Ja, auch Männer müssen gewisse Klischees erfüllen, um akzeptiert zu werden. Lara sieht gerade noch, wie Denni hinter einer Häuserecke verschwindet. Sie läuft ihr nach, greift nach ihrem Arm.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Warte, Denni. Tut mir Leid, was da gerade passiert ist. Wir hätten vielleicht neutraleren Boden wählen sollen, aber irgendwie war ich in der Annahme, meine Freundinnen seien nicht so in ihre Geschlechtervorstellungen verrammelt wie die Frauen in deiner Kneipe. Ich habe mich wohl getäuscht. Das heißt nicht, dass ich nicht dennoch mit dir tanzen möchte.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich habe eine ganz nette CD-Sammlung zuhause.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Sie lächeln. Lara legt ihre Stirn an Dennis. Ein Augenaufschlag und sie gehen. Weg vom Moon-light, weg von Rollenverständnissen, in die sie Beide plötzlich nicht mehr passen. Als Lara Dennis Wohnung betritt, fühlt sie sich in jene aber sofort zurück geworfen. Eine typische Junggesellenwohnung. Im Bad liegt ein Haufen Wäsche, im Flur steht ein Kasten, der überhäuft ist mit leeren Flaschen, zumindest kein Bier, wie Lara feststellt und im Wohnzimmer steht nur eine Couch, ein Fernseher, ein PC, ein Bücherschrank und etwas, was aussieht wie ein Kleider-schrank. Die Kochnische ist auch nicht mehr als das, aber wenigstens steht kein ungewaschenes Geschirr herum. Denni sammelt schnell ein paar Sachen ein und wirft sie ins Bad zu dem Haufen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du mit her kommst“, entschuldigt sie sich.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Macht nichts. Ich räum auch nicht immer auf.“ Lara sieht sich interessiert um. Auf dem Schreibtisch, auf dem der PC Platz gefunden hat, findet sie zahlreiche Videospielhüllen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Oh nein, du spielst World of Warcraft? Bist du auch so eine Abhängige?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Nein, Quatsch, das ist nur so zum Zeitvertreib. Ist halt ganz nette Unterhaltung.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Du meinst, Orkblut spritzen zu lassen, gibt dir was?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich glaube, du hast da einfach ein falsches Verständnis von dem Spiel. Da geht es um viel mehr, als nur irgendwelche Bösen zu killen. Da ist auch Kommunikation gefragt.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ach wirklich? Das will ich sehen.“ Wenn sie schon einmal dabei ist, sich von ihren Vorurteilen zu trennen, warum dann nicht auch von solchen, die außerhalb der Sexualität liegen? Denni druckst herum, immerhin wollten sie doch Zeit miteinander verbringen, aber schließlich gibt sie sich geschlagen. Sie fährt den Computer hoch und kurz darauf steht sie mit ihrem Äxte um sich schleudernden Ork in einer Horde von Monstern. Lara steht daneben und ist eher skeptisch.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Warte, ich hole dir einen Stuhl aus der Küche.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Quatsch, ich habe doch Platz hier.“ Damit setzt sie sich auf Dennis Schoß.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Kann ich mir auch eine Figur erstellen?“ Denni ist verwirrt. Diese Frau überrascht sie. Gerade hielt sie alle Spieler noch für totale Freaks und nun möchte sie selbst spielen. Aber weil sie nicht will, dass sie wieder von ihrem Schoß runter rutscht, willigt sie ein. Und es stellt sich heraus, dass Lara nicht nur Spaß an ihrem Zwergenbogenschützen hat, sondern auch noch begabt ist.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Da solltest du noch nicht hingehen. Da gibt es eine richtig fiese Spinne, die…“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Da steht sie vor dem Zwerg, die fiese Spinne und ein Pfeil genügt, um das Viech zu töten. Denni war auf dem gleichen Level und ist jedes Mal mit ihrem Axtschwinger drauf gegangen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Mach ich mich gut?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ähm, gar nicht so übel.“ Denni räuspert sich und Lara lacht. Sie legt den Arm um Dennis Hals und küsst sie unvermittelt. Wegen der Gewichtsverlagerung stürzen sie Beide vom Stuhl. Denni fängt den Sturz mit ihrem Rücken ab. Manchmal machen sich Boxtraining und die entstehenden Muskeln doch bezahlt. Lara liegt auf ihr, zum ersten Mal spürt sie, dass Denni eine Frau ist.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Du bist eine wunderschöne Frau“, flüstert sie und Denni grinst verlegen. Ihre Lippen berühren sich, während eine Hand daran arbeitet, die Knöpfe ihres Hemdes zu öffnen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Liegst du eigentlich lieber oben oder unten?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Oben, ich bin doch hier der Kerl im Haus oder in der Wohnung.“ Dennis Gesichtsausdruck bringt sie zum Lachen, aber die Antwort lässt eine kleine Unsicherheit in ihr aufkommen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Das heißt, ich werde hier nur zum Kochen und Putzen angestellt, darf nicht arbeiten gehen, weil du das Geld verdienst und habe die Beine breit zu machen, wann du es wünscht?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ja, so ungefähr.“ Denni grinst, aber Lara setzt sich hin. Sie weiß, es ist nicht ernst gemeint.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ähm, das war ehrlich nur ein Scherz. Natürlich nicht. Kochen und Putzen kann ich alleine und ich verdiene dir bestimmt nicht deinen Lebensunterhalt und Sex, nur wenn du willst.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Und muss ich demütig sein, wenn du etwas von mir verlangst? Muss ich mit in deine Stamm-kneipe und dort das brave Frauchen spielen? Und wirst du weiter diese Hemden tragen?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Denni sieht sie an, aber Lara ist unsicher. Noch hat sie nicht ganz mit ihren Vorurteilen aufgeräumt und die Angst, dass sie zu einer Frau wird, wie die, die sie in der Kneipe gesehen hat, steigt in ihr auf, so gerne sie auch mit Denni zusammen ist.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich dachte, ich hätte dir irgendwie gezeigt, dass ich nicht so bin. Vielleicht trage ich diese Hemden, aber wenn, dann nicht, um mich mit jemandem zu identifizieren. Das heißt nicht, dass ich auf Macho mache und meine Frau prügle, aber das begreifst du nicht. Ihr tollen weiblichen Frauen, ihr seht nur das Äußere und weil ihr damit nichts anfangen könnt, weil ihr eben richtige Frauen sucht, stempelt ihr maskuline Frauen eben als Mannsweiber ab, fertig. So einfach ist das, habe ich Recht? Ihr seid mit eurem Verhalten selbst daran Schuld, dass man euch für minderwertig hält!“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Aber viele von euch benehmen sich so, wie du es dargestellt hast.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Von uns? Ich gehöre zu niemandem. Ich bin nur Denni, mehr nicht und das ist auch schon schwierig genug. Und ich benehme mich nicht so. Vergiss es, geh einfach.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Es tut mir Leid, aber durch deine Kleidung definierst du dich nun einmal so wie die Anderen. Du könntest ja auch etwas Anderes tragen und die Haare wachsen lassen, dann würde man dich vielleicht eher als Denni anerkennen.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ja, in dem ich mich dem anpasse, was anderen gefällt. Aber mir gefällt das nicht, Lara. Oder würdest du dir die Haare abschneiden lassen, um dazuzugehören und nicht dämlich angemacht zu werden? Ganz sicher nicht. Hau ab, okay?“ Lara steht da und weiß nicht, was sie tun soll. Da findet sie eine Frau, von der sie nie gedacht hätte, dass sie sie mögen könnte, stellt sogar fest, dass sie Gemeinsamkeiten haben und fängt so eine sinnlose Diskussion an. Denni steht vor der Balkontür. Da ist es wieder, dieses Gefühl, in kein Raster zu passen und sich deshalb von Vorurteilen konfrontiert zu sehen, die man nicht abwehren kann. Die einen begraben, bis nichts mehr von dem Menschen übrig bleibt und das ausgerechnet durch die Frau, in die sie sich unzweifelhaft verliebt hat. Ein großer Fehler. Mit dem Feind hüpft man nicht ins Bett.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Nein, ach, das war doof. Der ganze Streit ist doof. Ich bin einfach noch nicht weg von meiner Vorstellung über maskuline Frauen, aber ich will Denni kennen lernen und diese Vorstellung revidieren. Schick mich jetzt nicht weg, ja?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich hab’ da keine Lust mehr drauf, auf dieses ewige Gehetze gegen die eine oder andere Seite. Das Schlimme ist, dass ich selbst schon so bin, aber zu irgendeiner Seite muss man ja gehören, nicht wahr?“ Sie weint. Noch nie zuvor hat Lara eine maskuline Frau weinen sehen. Das dürfen sie ja auch nicht, wenn sie Männer imitieren wollen. Aber scheiß auf diese Frauen, scheiß auf Männer, scheiß auf Geschlechterrollen, scheiß auf die ganze Welt, sie will nur Denni, doch diese packt sie am Arm und bringt sie zur Wohnungstür, wo sie sie raus wirft.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Glaub mir, ist besser so“, sind die letzten Worte, die sie an sie richtet, bevor die Tür zugeht und sie wieder verbannt ist, aus einer Welt, in der sie sich zum ersten Mal wohl gefühlt hat.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Eine total erfundene und konstruierte Geschichte, die so nicht stattfinden kann. Vollkommen richtig. Ich muss dem aufmerksamen Leser und der Leserin selbstverständlich, Recht geben. Alles von hinten bis vorne erfunden, denn das würde ja nicht funktionieren. Eine Butch und eine Femme, die das jeweils andere Produkt einer sexuellen Bewegung nicht mögen, verlieben sich ineinander. Möglich in Literatur und Film, aber in der Wirklichkeit, völlig ausgeschlossen. Aber stellen wir uns doch einfach einmal vor, dass es möglich wäre, könnten die Zwei noch zueinander finden? Aber klar, denn am Ende jeder konstruierten Geschichte steht ein Happy End. Doch was brauchen wir für das Happy End außer einer Liebeserklärung und dem finalen Kuss? Richtig, wir brauchen eine gedankliche und emotionale Wendung im Leben der Hauptfiguren. Jene ereignet sich zwei Wochen später. Dennis Wochen waren einsam und traurig und nach einer langen Zeit voller Klischeeerfüllung, schafft sie es nun nicht mehr, ihre Tränen geheim zu halten. Noch schlimmer, sie spricht sogar mit einer heterosexuellen Kollegin über ihre Probleme. Die endgültige Lösung aus einer vorgefertigten Welt aber vollzieht sich wieder einmal an einem Freitagabend. Sie hat das Gefühl, es ist Ewigkeiten her, dass sie aus war, aber als sie in ihren Kleiderschrank sieht, verhagelt es ihr den Wunsch, wegzugehen, bis sie die Kleidung sieht, die die Verkäuferin für sie ausgesucht hat. Nicht, dass sie deshalb die Baumwollhemden wegschmeißen müsste, aber ihr wird klar, dass Lara in manchen Punkten doch Recht hatte. Vielleicht mag sie die Baumwollhemden, aber sie waren auch ein Identifikationszeichen, ohne dass sie sich nicht in die Kneipe getraut hätte. Heute braucht sie das nicht. Sie zieht die Jeans und das weiße Hemd mit Aufdruck an und begibt sich zu ihrer Stammkneipe. Als sie eintritt, nickt sie den Frauen wieder zu, wird diesmal aber schräg angesehen. Sie entspricht nicht mehr dem alten Typ einer maskulinen Lesbe und ihre körperbetonte Kleidung scheint sofort den Frieden zu stören. Die Barfrau stemmt sich wieder mit beiden Armen auf die Theke, als Denni sich setzt.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Was is’n mit dir passiert? Machst das deiner kleinen Freundin zu Liebe?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Woher…“ Denni ist verblüfft, wie schnell sich das herum gesprochen hat.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ein Paar haben dich mit ihr vor’m Moonlight gesehen. Willst du nicht mehr mit uns abgeben.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Quatsch, ich möchte nur gerne das anziehen, was mir gefällt und noch was, sie ist nicht meine Freundin.“ Das Leider anzufügen, spart sie sich. Da kommt eine der Frauen zu ihr rüber.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Hübsch, deine neuen Sachen. Hast du Lust, nach hinten zu gehen?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Denni sieht die Frau an, in ihrer Lederjacke, mit kurzen Haaren und von ihrer Tischlertätigkeit groben Händen. Sie versteht plötzlich, warum sich Lara so abgestoßen fühlt, von dieser Welt. Auch sie fühlt sich nicht mehr wohl. Sie passt nicht mehr in die Schublade und hat auch keine Lust mehr, hinein zu passen. Sie erhebt sich, zahlt ihr Bier und sieht zu der Frau.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Nein, danke, ich habe noch eine Verabredung.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Damit geht sie und weiß, dass sie nicht mehr wiederkommen wird. Ab heute ist sie Denni und Denni hat keinen Platz mehr da drin. Aber noch ist Denni unvollständig. Ebenso wie Lara, die am Tisch sitzt und von ihren Freundinnen und den Männern begafft wird. Was hat sie sich bloß dabei gedacht, sich die Haare abschneiden zu lassen? Mit einem Mal fällt das Gerüst ihrer perfekten Angepasstheit und sie wird abgestoßen von der Welt, in der sie sich zuhause geglaubt hat. Warum konnte Denni nicht mit ihr eine neue Welt gründen, in der nur sie Beide Platz haben? In der es nur sie Beide gibt.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Ich verstehe ehrlich nicht, warum du das machen musstest. Du sahst doch so toll aus.“ Entrüstung bei ihren Freundinnen. Natürlich, nur mit langen Haaren sieht eine Frau toll aus, aber Denni ist wunderschön und wenn sie Glatze hätte. Sie will hier weg, aber wohin sollte sie gehen? Es gibt keine Welt, in der sie willkommen ist, in der sie nur Lara sein kann. Einer der Männer, der, der eigentlich ganz nett ist, fordert sie zum Tanzen auf und weil sie sich elend fühlt und nicht länger am Tisch mit ihren Freundinnen sitzen will, stimmt sie zu. In diesem Moment öffnet sich die Eingangstür, was Lara nicht sehen kann. Eine junge Frau kämpft sich durch die Massen und steht schließlich vor dem Tisch mit Laras Freundinnen, die verblüfft sind.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Wo ist Lara?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Was willst du hier? Lara braucht eine wie dich nicht. Schau dir an, was du aus ihr gemacht hast. Die Haare hat sie sich abgeschnitten, nur um zu sein wie deinesgleichen. Lass sie in Frieden.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Pass mal auf. Wenn du in deiner kleinen, beschränkten Welt weiterleben, Fahrradkurieren hinterhecheln, ein liebes, kleines Mädchen sein willst, das auf Schrumpfhoden steht, gut, tu das. Das steht dir zu. Aber mir und Lara steht es auch zu, dass wir unser Leben anders gestalten als du. Und jetzt setzt dich hin und wage es nie wieder etwas gegen die wunderbare Frau zu sagen.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Damit geht sie weg vom Tisch. Natürlich bewirken solche Worte nichts, wie im Film oder in der Literatur, aber lassen wir Laras Freundin dennoch erschüttert zurück, mit der Hoffnung, dass sie womöglich über ihre Einstellung einmal nachdenkt. Unser einziges Interesse gilt nun Denni und Lara, die noch mit dem netten Mann tanzt. Höflich klopft Denni ihm auf die Schulter.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Entschuldige, aber sie hat mir schon vor zwei Wochen diesen Tanz versprochen.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Lara kann kaum glauben, dass Denni tatsächlich vor ihr steht.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Wenn du Denni noch kennen lernen willst, da bin ich. Lass uns eine eigene Welt bauen, in der wir so viele Charaktere darstellen können, wie wir Lust haben. Einverstanden?“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Dennis Blick wankt zwischen Selbstbewusstsein und Unsicherheit und wer einem solchen Blick widerstehen kann, der ist kein Mensch, sondern ein Ork. Lara aber ist ein Mensch und als sie sie umarmt, ist klar, dass diese zwei Menschen zusammen gehören. Gekommen aus zwei verschiedenen Welten werden sie fortan in Einer leben. In Einer, in der es keine Rollen gibt, in der es nur Denni und Lara gibt und ein paar klitzekleine Klischees, über die sie lachen können.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Die kurzen Haare sehen übrigens unglaublich sexy aus. Ich habe daran gedacht, meine auch etwas länger wachsen zu lassen. So auf die neue Trendlänge bei Männern.“ Sie lacht, aber Lara nicht mit ihr. Sie sieht sie nur an, streicht über ihre Lippen, die im Lachen erstarren.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">„Mir egal, ich will dich und nicht deine Haare“, meint sie, bevor sie Denni küsst.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">Und beim Happy End wird für gewöhnlich ausgeblendt. Ich darf aber, da es sich hier um eine erfundene Geschichte handelt, die aufgrund verhärteter Fronten in der Realität nicht stattfinden kann, mit Bestimmtheit sagen, dass sie noch immer leben und glücklich sind. Zusammen. Und wer weiß, vielleicht gibt es in unserer großen, weiten Welt ja doch Frauen, die gerade entdecken, dass sie Menschen sind und sich nicht für eine genormte Welt entscheiden müssen, sondern ihre Eigene bauen können. Jetzt darf ich mich entschuldigen, ich werde in den Park gehen, in meine große Freiheit und dort vielleicht eine neue Weltenfrau entdecken.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;line-height:150%;">
]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Lass uns anstoßen, auf die einzig wahre Freundschaft!]]></title>
<link>http://refugiumdeswissens.wordpress.com/?p=186</link>
<pubDate>Fri, 27 Jun 2008 11:38:17 +0000</pubDate>
<dc:creator>Eugen</dc:creator>
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<description><![CDATA[Jetzt sitzen wir hier, unser Bier ist bestellt. Du, mit dem Ich sonst nichts unternehme. Du, den Ich]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;">Jetzt sitzen wir hier, unser Bier ist bestellt. Du, mit dem Ich sonst nichts unternehme. Du, den Ich nur rufe, wenn ich etwas brauche. Du, den Ich nur sehe, wenn es sonst nichts zu sehen gibt. Du, den Ich zu Meinen eigenen Gunsten einspanne. Dein Wissen, welches Ich fortwährend  nutze.</p>
<p style="text-align:justify;">Du gibst Mir die Sicherheit, jemanden zu haben, wenn Ich ihn brauche. Den Ich benötige um mein Selbstwertgefühl zu steigern, weil Ich der bessere von uns bin. Ich binde dich mit Versprechungen an Mich, die Ich nicht halten werde. Mein Gewissen ist rein, wenn Ich dich im Stich lasse. Du hast begriffen das Ich ein Egoist bin, aber du bist naiv und glaubst an das Gute im Menschen. Es ist amüsant zu sehen, wie du deine Zeit an Mir verschwendest und es nicht merkst. Deine Taten sind für Mich eine Selbstverständlichkeit. Dein Dasein  hat sich Meinen Gewohnheiten zu fügen.</p>
<p style="text-align:center;">Diese Worte sind mir fremd, aber dennoch Grundlage meiner Taten</p>
<p style="text-align:center;">- „Lass uns anstoßen, auf die einzig wahre Freundschaft!“ -</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://refugiumdeswissens.files.wordpress.com/2008/06/8836_1_13-anstossen.jpg"><img class="size-medium wp-image-185 aligncenter" src="http://refugiumdeswissens.wordpress.com/files/2008/06/8836_1_13-anstossen.jpg?w=300" alt="" width="300" height="177" /></a></p>
<p style="text-align:center;">
<p style="text-align:left;">___________________________________<br />
<em>Verfasst vom Autor Eugen und Gastautor Pablo.</em></p>
]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Für immer!]]></title>
<link>http://wirbelsturm.wordpress.com/?p=17</link>
<pubDate>Thu, 26 Jun 2008 20:43:39 +0000</pubDate>
<dc:creator>wirbelsturm</dc:creator>
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<description><![CDATA[
Nun schaute sie schon das dritte Mal auf ihr Handy. Immer noch zeigte sich kein kleines Briefsymbol]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://wirbelsturm.files.wordpress.com/2008/06/bb038e.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-18" src="http://wirbelsturm.wordpress.com/files/2008/06/bb038e.jpg?w=150" alt="" width="150" height="140" /></a></p>
<p><span style="font-family:Arial;">Nun schaute sie schon das dritte Mal auf ihr Handy. Immer noch zeigte sich kein kleines Briefsymbol auf dem Display. Auch kein „Anruf in Abwesenheit“ - Symbol war eingeblendet. Natürlich nicht. Jeden Anruf hätte sie mitbekommen. Keine Sekunde ließ sie ihr Mobiltelefon aus den Augen. Aus Sekunden wurden Minuten und aus Minuten unendlich lange Stunden. Er hatte sich nun seit dem Vorabend nicht mehr bei ihr gemeldet. Sie wusste, dass er mit seinem Vater unterwegs war. Mit dem Motorrad in Frankreich. Und gerade das machte ihr Angst. Mit dem Motorrad….Aber vielleicht war auch einfach nur die Sms noch nicht angekommen. Immerhin war es ja Ausland, wo er war. Ja genau!. Er „WAR“ dort! Rein theoretisch müsste er wieder in Deutschland sein. Es war mittlerweile 3 Uhr nachmittags. Ja, er musste wieder in Deutschland sein. Sie hatten bei Bekannten zu Mittag gegessen, und das war irgendeine Stadt in Deutschland gewesen. Logischerweise eine Stadt auf dem Heimweg. Eine Stadt, ein Halt, ein kurzer Stopp bevor er heimkommen sollte. Heim zu ihr! Aber er war nicht hier. Er hatte ihr versprochen zweimal am Tag zu schreiben während er in Frankreich ist. Mittags und abends. Doch diesen Mittag kam keine Nachricht. Was war nur geschehen? Irgendetwas stimmte nicht. Er würde ihr niemals so Angst machen wenn er in der Lage wäre sich zu melden. Ja, WENN er in der Lage wäre. Sie nahm das Handy stand vom Stuhl auf und machte das Radio an. Nicht um Musik zu hören. Sie wollte Nachrichten verfolgen, Stauschau hören. Die Sachen die sie sonst so nervten. Nun wollte sie nichts anderes hören. Doch gleichzeitig wollte sie es auch nicht. Was wäre wenn wirklich was passiert ist? Die Tränen schossen ihr in die Augen und betäubten ihr Denken. Einzig und allein die Angst blieb. Angst vor einer schrecklichen Nachricht und panische Angst vor einem Leben ohne ihn. Sie taumelte auf ihr bett und die Tränen flossen unaufhaltsam in das Kopfkissen. Erinnerungsfetzen schossen ihr durch den Kopf. Gemeinsame Abende mit ihm. Seine sanfte Stimme und seine beruhigende Art. Sein Lächeln. Seine Augen die ihr immer wieder zeigten, dass sie geliebt wird. Seine beschützenden Arme, wenn sie mal nicht mehr konnte…Sie vermisste ihn. Sie vermisste ihn so unendlich doll. Sie beide hatten Träume gehabt. Träume von einer gemeinsamen Zukunft. Einem gemeinsamen Zuhause und einer Familie…Was war nur passiert. Was war geschehen, dass sie alles so deutlich sah. Wie als würden diese Bilder sich von ihr verabschieden. Wieder krampfte sich alles in ihr und wieder fing sie bitterlich an zu weinen. Nein! Es durfte einfach nicht sein! Er durfte nicht aus ihrem Leben gegangen sein! Er konnte sie nicht hier zurück lassen! Alles in ihr fühlte sich so weit weg an…Alle Bilder, Geräusche und Gefühle. Alles, wie in Watte gepackt.</span></p>
<p><span style="font-family:Arial;">So hörte sie nicht, als es unten hektisch an der Tür klingelte. Und sie sah auch nicht, wie jemand ihr Zimmer betrat. Und hörte nicht wie jemand langsam und behutsam auf sie einredete. Sie war zu weit weg. Sie spürte nur eine Warme Hand in ihren Träumen…Seine Hand. Er hielt sie fest. Er war sicher da um sie zu holen, wo auch immer er jetzt war oder hinging. Ohne ihn leben würde sie nicht und sie könnte es nicht. Sie brauchte ihn, weil erst er ihr Leben komplett gemacht hatte. Er hatte ihr Träume gegeben. Hoffnung und Liebe. Verständnis und das Gefühl von endlosen Glück! Sie schmiegte sich an ihn, in diesem wundersamen Traum. Doch irgendwas stimmte nicht. Ein Schütteln? Sie wurde geschüttelt. Sie wehrte sich dagegen. Niemand würde sie von ihm trennen können. Wer auch immer es war, sie wollte IHM folgen, bei IHM bleiben. Dann spürte sie ein Kribbeln auf ihren Lippen. Plötzlich. Wie warmer Sommerregen. Es wurde warm und wärmer. Sie merkte wie ihr Herzschlag sich beruhigte. Wo kam es her? Es fühlte sich wie SEIN Kuss an, aber er war plötzlich nicht mehr da, in ihrem Traum. Er war fort gegangen, einfach so. Aber sie war sich sicher, DAS war SEIN Kuss. Erschrocken öffnete sie die Augen und sah in sein Gesicht. Er saß vor ihr, mit Tränen in den Augen aber sichtlich erleichtert, dass sie die Augen geöffnet hatte. Er drückte sie an sich, in seine warmen Arme. Sie spürte sein Herz rasen, er zitterte. Sie verstand die Welt nicht mehr aber sie spürte, dass es echt war. ER war echt, er war nicht tot. Er lebte und war bei ihr, flüsterte in ihr Ohr und streichelte ihr Haar. „Verzeih mir mein Engel, ich lasse dich nie wieder warten!“ Eine Träne rollte ihr erneut über die Wange. Aber nicht aus Angst oder Trauer, sondern aus Freude, aus Glück! Sie lag in seinen Armen. Sie lebten, sie hatten sich wieder! Die Erleichterung übermannte sie mit einem Schlag. Sie fühlte sich plötzlich so schwach. Vor lauter Erschöpfung schlief sie in seinen Armen ein. Denn er war nun da, um auf sie aufzupassen. Er war da und würde nicht gehen. Sie wusste, dass wenn sie aufwachte, sie nicht alleine wäre. Er würde bei ihr bleiben. Von nun an für immer.</span></p>
<p><span style="font-family:Arial;"></span><br />
Diese Geschichte widme ich meinem Freund und hoffe, ihn bald wieder Gesund in meine Arme schließen zu können!</p>
<p>Ein großes "Danke!" geht an Katrin, die mich überredet hat, eine solche "Geschichte" im Kontrast zu "Die Autobahn" zu schreiben</p>
]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[16 - Der zweite Tag]]></title>
<link>http://schreibtagebuch.wordpress.com/?p=212</link>
<pubDate>Thu, 26 Jun 2008 18:23:36 +0000</pubDate>
<dc:creator>Robbe</dc:creator>
<guid>http://schreibtagebuch.wordpress.com/?p=212</guid>
<description><![CDATA[5.45 Uhr
Sie hat keine Minute dieser Nacht geschlafen. Das spüre ich, als ich aufwache, weil sie mi]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal">5.45 Uhr</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">Sie hat keine Minute dieser Nacht geschlafen. Das spüre ich, als ich aufwache, weil sie mir aus Versehen mit dem Knie in den Rücken gestoßen hat. Sich entschuldigend schmiegt sie sich an mich, doch die Kugel, die sich vor ihrem Bauch gebildet hat, behindert unsere sonst so nahe Intimität. Sie ist im achten Monat schwanger und hat einen Bauch, der ohne große Schwierigkeiten zwei Wassermelonen beinhalten könnte. Es ist ganz langsam vor sich gegangen, ohne, dass wir es jeden Tag bemerkt hätten. Aber Stück für Stück sind die Lebewesen in ihr gewachsen. Sind größer geworden und haben nicht nur ihren Bauch, sondern auch unser ganzes Leben für sich eingenommen.<!--more--> Ihr geht es dabei sehr schlecht. Neben einer Schwangerschafts- diabetes hat sie Wasser in die Beine bekommen. Die Kinder – ja, Lili und Sam Mica teilen sich ihren Bauch tatsächlich – drücken auf ihr Becken und der große Bauch verursacht zusätzliche Rückenschmerzen. Sie hat seit Nächten nicht mehr geschlafen. Sie bricht in Tränen aus, als ich beginne, ein Gute-Nacht-Lied zu singen. Es liegt nicht an meiner schiefen Stimmlage. Sie ist verzweifelt. So sehr sie die Kinder auch liebt, sie will sie endlich loswerden. Ich habe Verständnis dafür, bekunde ich und werde nur wieder angepflaumt, dass ich gar nicht nachfühlen könnte, was sie durchmacht. Das stimmt. Manchmal bin ich dankbar dafür. Andererseits würde sie mir, wenn ich es könnte, wohl nicht ständig Vorwürfe machen. Die kommen, egal, was ich tue. Ihre Hormone, die Schmerzen und die Unzufriedenheit lässt sie für gewöhnlich an mir aus. Ich ertrage es geduldig. Wenn die Kinder auf der Welt sind, wird das nachlassen und ich kann endlich helfender Teil unserer kleinen Familie sein. Zur Zeit massiere ich sie ab und an, gehe mit ihr zur Schwangerschaftsgymnastik, koche, wasche, putze, gehe arbeiten, rufe bei den Schwiegereltern und den eigenen Eltern an, weil sie nicht die Nerven dafür hat. Ich schmeiße einen Zwei-Frauen-Haushalt ganz alleine und bekomme dafür noch zu hören, ich könnte nicht nachfühlen, was sie durchleidet. Richtig, aber ich durchleide andere Qualen. Nur ihr das sagen, das könnte ich nicht. Niemals könnte ich dieser wunderbaren Frau Vorwürfe machen, während sie mit unseren Kindern im Bauch schon vor der Geburt schlimme Schmerzen ertragen muss. Immerhin hat sie das alles wegen uns und unseren gemeinsamen Träumen auf sich genommen. Ich lege meine Stirn an ihre, während mir Sam Mica in den Bauch boxt. Ich spüre es durch ihre Haut hindurch. Das ist ein Erlebnis, das ich genieße. Die Zwei sind in der Nacht furchtbar aktiv. Doch das hält mich nicht davon ab, noch einmal einzuschlafen, nur um eine halbe Stunde darauf von meinem Wecker darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass ich zur Arbeit muss. Ich raffe mich auf. Sie ist endlich auch einmal eingeschlafen. Darum schleiche ich mich leise hinaus. Ich koche Tee für sie und lege die letzten Toastschnitten neben den Toaster. Als ich auf die Toilette will, stürmt sie aus dem Schlafzimmer und ins Bad, wo sie sich erbricht. Ich habe vergessen, zu erwähnen, dass sie auch unter Morgenübelkeit leidet. Ich kann nichts dagegen tun, außer ins Bad zu gehen und ihre Haare zu halten, die seit Beginn der Schwangerschaft ihren Glanz verloren haben. Als der Reiz aufhört, fängt sie an zu weinen. Ich weiß, dass es nicht nur an den Schmerzen liegt und an den Hormonen. Sie ist traurig darüber, dass sie die Schwangerschaft nicht wie andere Mütter genießen kann. Sie empfindet diese Kinder als Störfaktoren, die ihre körperliche Gesundheit ruinieren, auch wenn sie nicht so empfinden will. Nur ganz selten, wenn wir abends auf dem Sofa liegen, meine Hand auf ihrem Bauch, wenn Lili sich an meine Hand kuschelt, nur dann geht es ihr gut. Dann sprechen wir über unsere gemeinsame Zukunft mit den Kindern und darüber, was einmal aus ihnen werden wird. Doch die Nacht, die darauf folgt, lässt sie diese schönen Minuten vergessen, während ich sie brauche, um neue Kraft zu tanken. Unsere Ärztin möchte die Kinder solange wie irgend möglich in ihrem Bauch lassen. Das heißt, dass auf mich noch anstrengende zwei Monate zukommen könnten, während sie jeden Tag hofft, dass die Wehen einsetzen. Sie hat große Angst vor der Geburt, aber es wären die letzten Schmerzen, die sie erdulden müsste und dann wäre der ganze Hormonzirkus, der ihren Körper so quält, endlich vorbei. Als ich gehe, sitzt sie müde am Küchentisch. Sie hat keinen Hunger, wird den ganzen Tag wieder nichts zu tun haben. Ich verspreche, dass wir am Nachmittag noch den Kinderwagen kaufen gehen und küsse sie. Aber als ich gehe, sehe ich wieder nur Tränen in ihren Augen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">10.30 Uhr</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">Ich kann den Anblick ihrer Augen nicht vergessen, als ich gegangen bin. Ich durchleide nicht ihre Qualen, aber sie tun mir ebenso weh wie ihr. Manchmal wünsche ich mir, wir hätten ohne Kinder glücklich sein können. Aber wir konnten uns nicht mit unserem Zusammensein begnügen. Wir mussten unbedingt Individuen zeugen, die wiederum in ein Leben eintreten, das mehr und mehr von seinen positiven Seiten verliert. Ist es überhaupt noch richtig, Kinder in die Welt zu setzen, so nah vor einem dritten Weltkrieg, der die gesamte Menschheit auslöschen könnte? Sie sagt, ich übertreibe maßlos und sie tröstet mich, dass es unseren Kindern immer gut gehen wird, weil wir auf sie Acht geben werden. Aber die Gedanken daran verschwinden nicht und manche Nacht träume ich davon, wie Sam Mica vor mir steht und mit ernstem und vorwurfsvollem Blick zu mir sieht, mir sagt, dass ich Schuld an seinem Elend bin. Doch zuallererst bin ich nun schuldig an dem Elend der Frau, die ich doch über alles liebe. Ich denke an ihre Haare, die schlaff in meinen Händen lagen, während sie sich übergeben hat. An die Augen, die von den Tränen verquollen und rot sind. Von der Haut, die noch nie so etwas wie Unreinheiten gezeigt hat und auf der sich nun öfter kleine Pickelchen bilden. Sie verzweifelt an jedem Einzelnen. Sie sieht schlecht aus, aber ich finde, sie ist noch immer die schönste Frau, die mir in meinem ganzen Leben begegnen könnte. Körperlich setzt ihr die Schwangerschaft sehr zu, doch vieles kommt hinzu, was sie noch attraktiver macht. Der Ausdruck ihrer Augen hat sich verändert. Ein Stück Erfahrung ist hinzugekommen. Ihre Berührungen fühlen sich anders an. Es kann daran liegen, dass wir seit etwa einem halben Jahr nicht mehr miteinander geschlafen haben, aber ich finde sie intimer. Oft streicht sie mir einfach so über die Wange. Wenn wir aneinander vorbei gehen oder wenn ich kurz ins Bad muss. Ganz einfach nur so. Früher hat sie das nicht getan. Es ist unser Sex-Ersatz und er ist besser als Sex. Aber Sex wäre schon mal wieder schön. Wir finden keine Zeit dafür und noch seltener verspüren wir Lust darauf. Da ist zwar immer die Erinnerung an unsere schönen Nacht- und manchmal auch Tagstunden, die wir zusammen verbracht haben, aber sie ist verblasst, steht hinter den Erinnerungen an die letzten sechs Monate zurück, die nur von zunehmenden Problemen erzählen. Ich erwache und stehe vor dem Regal für Frauenliteratur. Sexratgeber, wie man sich einen Mann angelt und behält, stehen neben der Schmachtliteratur. Sie hat inzwischen Dutzende davon gelesen. Seit vier Monaten darf sie nicht mehr arbeiten und es ist eine Katastrophe für sie. Sie sagt, dass es keinen schlimmeren Zustand in der Welt gibt, als die Nutzlosigkeit. So fühlt sie sich. Eine Hülle für zwei Wesen, die sie martern, die aber sonst zu nichts gut ist. Dabei ist sie für mich da und sie weiß es gar nicht. Sie weiß gar nicht, wie viel Nutzen sie für mich hat und dass meine Existenz nur auf Ihrer begründet ist, seit ich sie kenne. Ich nehme vier der Bücher aus dem Regal und bringe sie zur Kasse. Sybille schüttelt den Kopf, doch ich kann nichts dafür. Die Hülle meiner Kinder mag momentan nichts lesen, was sie an ihre Arbeit erinnert. Früher lagen haufenweise wissenschaftliche Bücher und Aufsätze auf dem Wohnzimmertisch herum. Manchmal konnte ich nicht einmal etwas mit den Buchtiteln anfangen, aber die sind alle verbannt worden. Wenn sie nicht arbeiten darf, will sie auch nicht daran erinnert werden, dass es die Arbeit einmal in ihrem Leben gab. Ich kann den Nachmittag kaum abwarten. Wenn wir einkaufen gehen, wird sie abgelenkt und gleichzeitig sehe ich schlimme Szenen auf mich zu kommen. Trotzdem wird es ihr helfen, sich einmal auf etwas Anderes als ihre Schmerzen zu konzentrieren. Vielleicht schafft sie es, nach dieser Anstrengung, auch einmal wieder zu schlafen. Es wäre für uns Beide gut. Noch einen Morgen, an dem sie weint, ertrage ich nicht. Ich sehe mir die Bücher an. Warum sie ausgerechnet heterosexuelle Schmachtfetzen liest, weiß ich nicht. Es gibt genügend lesbische Schundliteratur, aber vielleicht produzieren heterosexuelle Autoren und Autorinnen mehr Schmalz für das Herz. Hoffentlich wird Lilian später nicht solche Literatur lesen. Aber wenn ihre Mutter in der Schwangerschaft soviel davon liest, färbt das womöglich ab. Meine Mutter hat während ihrer Schwangerschaft viele Erdbeeren gegessen und wenn es eines gibt, was ich auf der Welt genauso liebe wie meine Frau, dann sind es Erdbeeren. Weil ich möchte, dass Lili und Sam Mica wenigstens etwas mit mir gemeinsam haben, gebe ich ihrer Mama jeden Tag Erdbeeren zu essen. Hoffentlich funktioniert es. Meine schwangere Schönheit hält wenig von diesen Experimenten, aber mir zuliebe macht sie mit.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">17.00 Uhr</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">Wir wollten einen Kinderwagen kaufen, keinen Hightech-Transporter. Wir stehen Beide hilflos vor einer gewaltigen Auswahl von Kinderwagen, während die Verkäuferin uns die Vorteile des einen oder anderen Modells erläutert. Da gibt es die mit den beweglichen Rädern, dann welche, die man gleich zu einem Buggy umbauen kann. Manche bieten genügend Platz für Taschen vol-ler Windeln, Nuckelflaschen und Schnuller, andere haben gleich einen praktischen Sonnen-schutz in Form eines Schirms an der Seite. Wir sehen uns an. Wenn wir in diesem Moment eines wissen, so ist es die Tatsache, dass wir nichts wissen. Ich verstehe, wie sich Sokrates gefühlt haben muss, als er diesen Spruch gebracht hat. Vermutlich stand er mit seiner Xanthippe vor ei-nem ganz ähnlichem Problem. Die Verkäuferin lässt uns einen Moment allein. Andere Pärchen sind entscheidungsfreudiger und heterosexueller. Mama in spe schleicht um die Wagen herum. Ihr Becken schmerzt wieder und nichts würde sie lieber tun, als nach Hause zu fahren und sich hinzulegen. Aber dies ist das erste Mal seit zwei Wochen, dass sie etwas anderes zu tun hat, als das Becken zu kreisen und Schmachtromane zu lesen. Sie seufzt verzweifelt. Zeit, die Initiative zu übernehmen, auch auf die Gefahr hin, angepflaumt zu werden.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">„Lass uns mal ganz pragmatisch vorgehen. Wir haben zwei Babies, das heißt, wir kaufen auf gar keinen Fall zwei Kinderwagen, sondern ein Zwillingswägelchen. Damit fallen ja schon zwei Drittel der Auswahl weg. Außerdem will ich bewegliche Räder. An einen Buggy brauchen wir jetzt noch nicht zu denken, aber der Sonnenschirm ist eine gute Idee. Ich habe gelesen, dass man Babies bis zu ihrem ersten Lebensjahr nicht der direkten Sonne aussetzen soll. Also werden wir das nicht tun. Von der Farbe her, nehmen wir etwas Neutrales. Schau mal, der Beige sieht doch gut aus. Oh, wie bequem.“ Ich lege meine Hand hinein und taste. Da werden es unsere Babies gut drin haben. Meine Wahl steht fest. Sie sieht mich an, lächelt und streicht mir über die Wange, bevor sie mich küsst. Ich nehme an, dass sie glücklich darüber ist, dass ich die Auswahl getroffen habe, aber später wird sie mir trotzdem noch Vorwürfe machen. Als die Verkäuferin zu uns kommt, versucht sie uns noch einmal zu einem teureren Modell zu überreden, aber wir haben uns entschieden. Mit dem Kinderwagen fahren wir nach Hause. Es liegt kein Baby da drin, nur der Schirm, den man bei Bedarf an der Seite befestigen kann. Sie schmiegt sich an meine Schulter. Ihre Augen haben ein bisschen von ihrem Glanz zurück gewonnen, aber es wird dauern, bis sie wieder meine Frau ist. Meine Frau, deren Lachfältchen schon ganz eingefallen sind, weil sie so lange nicht mehr gelacht hat. Meine Frau, deren Körper, bis auf ihren Bauch ausgezerrt wirkt von den körperlichen Beschwerden. Bald ist alles vorbei, sage ich leise und sie weint wieder. Als wir später auf dem Sofa liegen, ist es ganz ruhig um uns. Meine Hand liegt auf ihrem Bauch, doch diesmal schmiegt sich Lilian nicht an sie. Es hat den Anschein, als würden die Beiden schlafen. Ihre Mama ist auch eingeschlafen und obwohl ich Hunger habe, stehe ich nicht auf. Es würde sie wecken und sie braucht jetzt jede Minute Ruhe, die sie bekommen kann. Alles, was meine Hand erreicht, ist die Fernbedienung für unsere Stereoanlage. Anlage ist pompös ausgedrückt. Es ist nur ein winziges Gerät mit zwei Boxen, das da weiß in unserer Anbauwand steht. Ich schalte es an und unser Lied von dem bösen Spiel ertönt. Leise. Ganz leise, aber ich werde an so viele Momente unseres gemeinsamen Lebens erinnert. An unser Kennenlernen, an die Zeit danach, als sie sich mit mir nicht sicher war. Mein Chaos hat ihr ganzes Leben durch-einander geworfen und das war ein großes Problem für sie. Heute sagt sie, dass es das Beste war, was ihr passieren konnte, aber ich weiß, dass sie sich manchmal schwer zusammennehmen muss, um mich nicht auf der Stelle zu erwürgen. Da! Lilis Hand streicht von innen über den Bauch ihrer Mama. Ihre Handfläche bleibt auf meiner liegen und sie ist winzigklein. Wir haben Sachen für die Zwei schon vor einem Monat gekauft. Manche Socke war so klein, dass sie geradeso über meinen kleinen Finger gepasst hat. Ob ihre Hände auch so mickrig sind? Müssen sie wohl, wie hätten sie sonst Platz in diesem Bauch, der als Gipsabdruck über unserem Fernseher hängt? Mein Gott, werdende Eltern müssen auch jeden Mist veranstalten, um sich an diese furchtbare Zeit der Schwangerschaft – zumindest in unserem Fall – zu erinnern. Aber um nichts auf der Welt hätte ich diese Erinnerung nicht in Gips gießen wollen. Ein Fuß schweift an meiner Hand vorbei. Ein Fuß? Hat sich Lili etwa gerade gedreht? Mit dem Kopf nach unten? Richtung Ausgang…</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">18.30 Uhr</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">Die Möhre ist steinhart. Unser Schneidemesser dringt kaum bis zum Kern durch, die Möhren-scheibe schnipst weg und landet im Mülleimer. Ich lege das Messer ruhig hin, greife in die Schublade mit dem Besteck und hole unser riesiges Schlachtermesser raus. Jetzt bist du fällig, murmle ich und will gerade zu schlagen, als sich zwei Hände auf meine Hüften legen. Ein gewaltiger Bauch drückt sich in meinen Rücken. Sie legt ihren Kopf auf meine Schulter und alle meine Möhrenmordgedanken verschwinden augenblicklich. Das Schlachtermesser verschwindet dahin, wo es hingehört. Währenddessen stiehlt sie mir eine der mühevoll geschnittenen Möhrenscheiben und steckt sie sich frech in den Mund. Sie grinst. Ihre Augen haben etwas von ihrem alten Glanz wieder gewonnen, die roten Ränder sind heller geworden. Ihr Lächeln verrät, dass sie zum ersten Mal seit langem, keine Schmerzen hat. Als ich sie auffordere, mir das Stück wiederzugeben, deutet sie auf ihren Mund und will mir damit sagen, ich soll es mir doch holen. Sie hat Lust zu spielen. Dass unsere Lippen sich so berühren, kommt mir beinahe fremd vor. Meine Zunge ertastet das Möhrenstück, als sie sich plötzlich an den Bauch greift und meine Füße nass werden. Wir sehen uns Beide an und bemerken im ersten Moment nicht, was so eben passiert ist. Dann wird uns klar, dass sie so eben einen vorzeitigen Blasensprung hatte. Obwohl wir wissen, dass es trotz alledem noch zehn Stunden dauern kann, bis die Geburt einsetzt, verfallen wir Beide in Panik. Wir müssen sofort ins Krankenhaus, ist mein erster Gedanke. Ich nehme ihre Hand, aber sie bewegt sich nicht. Sie steht nur starr da und sieht mich hilflos an.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">„Ich kann nicht laufen. Es rutscht raus“, flüstert sie und presst die Beine zusammen. Diese Situation kommt mir so lächerlich vor, dass ich tatsächlich grinse, aber schnell begreife ich, dass sie es ernst meint. Dass es wirklich raus rutschen würde, wenn sie sich jetzt bewegt. Ich habe von solchen Sturzgeburten schon gehört. Meistens gingen sie nicht gut aus. Das hilft nicht, mich von meiner Panik zu erlösen. Erst möchte ich, dass sie sich hinsetzt, aber im nächsten Moment glaube ich, es ist besser, das Kind kommt zur Welt, bevor es noch in ihr erstickt.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">„Ich habe doch von all dem keine Ahnung. Kannst du nicht noch warten, bis wir im Kranken-haus sind? Warum machst du das?“ brülle ich sie an. „Die ganze Zeit über nervst du mich mit deinen Hormonen und deiner schlechten Laune, nie kann ich dir was recht machen und jetzt wirfst du auch noch unseren ganzen Plan von der Geburt durcheinander. Soll ich nun auch noch Hebamme spielen, oder wie?“ Ich weiß nicht, wieso ich brülle, warum ich das alles sage, aber der ganze Stress der letzten Monate überfällt mich mit einem Mal und es trägt dazu bei, dass ich endlich wieder einen klaren Gedanken fassen kann. Sie ist völlig überrascht von alledem und antwortet nicht, während mir etwas einfällt. Die Geburt in der Hocke. Das haben wir doch auch gelernt. Ich sammle schnell alles Weiche zusammen, was sich bei uns in der Wohnung finden lässt und rufe nebenbei gleich noch einen Notarztwagen an. So war das alles nicht geplant, aber im Improvisieren konnte ich mich die letzten Monate ja üben. Die Frau am Telefon hält es auch für das Beste, wenn das Kind zur Welt kommt. Also machen wir es so, wenn die Frau es sagt. Meine Frau dagegen steht noch immer hilflos in der Küche, vor ihr ein Teppich aus Decken und Kissen, damit unser Baby auch weich landet. Sie ist völlig aufgelöst und folgt meinen Befehlen nicht. Sie hat Angst und ist total starr. Ich lege den Hörer beiseite und nehme sie in den Arm.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">„Es tut mir Leid“, sagt sie. „Es tut mir Leid, dass ich so nutzlos und nervig war. Ich war weder eine gute Mutter, noch eine gute Frau, noch durfte ich Dozentin sein. Ich bin einfach ein nörgeln-des, nutzloses, fettes Ding und jetzt kriege ich nicht einmal diese Geburt ordentlich hin.“</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">„Ach Quatsch, fett bist du nicht“, antworte ich und lache. Sie lacht mit und geht in diesem Moment in die Hocke. Es klingelt. Ich husche schnell hinaus, um den Sanitätern die Tür zu öff-nen. Doch es dauert quälend lange, bis sie bei uns angekommen sind. Als wir in die Küche kommen, sitzt da meine Schönheit mit einem Kind im Arm. Es ist Lilian, das sehe ich sofort. Sie hat sich gedreht. Sie hat unseren Plan zunichte gemacht. Natürlich, das Mädchen. Was darauf passiert, nehme ich nicht wahr, weil ich dieses Kind ansehe. Es ist winzig im Vergleich zu der Puppe, die wir in unseren Vorbereitungskursen gesehen haben. 25. Schwangerschaftswoche, sagt einer der Sanitäter zu seinem Kollegen, der nickt. Sein Gesichtsausdruck wirkt besorgt, aber das sehe ich nur am Rande. Als sie Lilis Mama an mir vorbei tragen, streicht sie mir über die Wange.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">20.45 Uhr</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">Ich sitze vor dem Inkubator. Lilian liegt eingepackt in eine viel zu große Windel und eine weiße Decke darin. Sie ist nicht einmal halb so lang wie mein Unterarm. Sie wiegt nur 1523 Gramm. Viel zu wenig. In ihrer Nase steckt ein dünner Schlauch. Von ihrer Hand und ihrem Bauch füh-ren weitere fort zu Maschinen, die unentwegt piepsen und brummen. Vorsichtsmaßnahmen, hat der Arzt vorhin gesagt. Nur Vorsichtsmaßnahmen, denn ihre Lunge ist zwar gut entwickelt, aber noch zu schwach. Ihre Haut ist fast durchsichtig, die Augen sind geschlossen. Vor dem Mund hat sich eine kleine Speichelblase gebildet. Eine von vielen, die schnell zerplatzen. Ich darf sie streicheln. Ich traue mich nur mit dem Finger über ihre Hand zu streichen. Eine Kranken-schwester setzt sich zu uns. Sie lächelt und ermutigt mich, das kleine Köpfchen zu berühren. Nur vorsichtig streiche ich über den Kopf, der nicht einmal faustgroß ist, und spüre einen weichen Haarflaum. Sie ist warm und ihr Körper hebt und senkt sich schnell, aber gleichmäßig. Wie ich mich fühle, fragt unsere Besucherin. Ich kann es nicht sagen. Da liegt wieder diese Betäubung über mir und ein seltsamer Mischmasch aus unglaublich vielen Empfindungen. Ich bin glücklich, dass es Lili gut geht. Entsetzt darüber, dass dieses Baby größtenteils aus Schläuchen besteht. Besorgt, weil ihre Mama und ihr Bruder noch immer nicht bei uns sind und ich auch nicht weiß, wie es ihnen geht. Es gibt Komplikationen, warten Sie bei Ihrer Tochter, hat die Ärztin gesagt und mich aus dem Zimmer gedrückt. Zuhause gab es auch Komplikationen, da habe ich mich, laut Sanitäter, gut geschlagen und jetzt darf ich nicht dabei sein. Ich sitze hier und wie die letzten sieben Monate bin ich machtlos und jeder Verantwortung beraubt. Ich muss das Wesen, das ich am meisten liebe, in den Händen von Medizinern lassen, damit sie ihr helfen und auch dem kleinen Lebewesen, das noch in ihr ist und das ich ganz genauso liebe. Lili braucht mich auch nicht. Meine Wärme wird von einer Maschine ersetzt und meine Liebe – durch Berührungen geäußert – könnte sie umbringen. Die Krankenschwester beugt sich zu mir und meint, dass Lilis Mama und ihr Bruder auf dem Weg sind. Ich sehe sie an. Warum hat sie das nicht eher sagen können? Das Beste hebt man sich immer bis zum Schluss auf, ergänzt sie und steht auf. Ob sie damit wohl auch unseren Samuel Mica gemeint hat? Aber nein, Lili zählt auch schon zum Besten. Als die Schwester gegangen ist, frage ich mich, ob Lili mich schon verstehen kann. Weil niemand im Zimmer ist, fange ich leise an, unser Lied vom bösen Spiel zu singen. Ganz leise nur und ich hoffe, dass es einmal ihr Lieblingslied sein wird. Dann wird aus unserem Lied ein Familiensong. Der Family Blues, denke ich und grinse, als Lili die Augen aufschlägt. Nur ganz zaghaft sieht sie mich an, völlig verschlafen und hinter ihren Augenlidern kann ich noch keine Farbe ihrer Augen erkennen. Sie sind nur schwarze, tiefe Abgründe. Die von denen man automatisch angezogen wird. Lili wird wohl so einige Leben kosten, glaube ich und lächle sie an. Ich freue mich bereits auf ihr erstes Lachen, was noch ein bisschen auf sich warten lassen wird. Aber ich habe Zeit. Jetzt habe ich Zeit und Geduld. Und jetzt können wir uns auch berühren, ohne die Haut ihrer Mama zwischen uns zu haben. Es war ein schönes Erlebnis, aber sie anfassen zu können, ihren Haarflaum auf dem Kopf spüren zu können, ist noch schöner. Zehn Minuten später wird ein zweiter Brutkasten ins Zimmer gerollt. Darin liegt ein rötliches Baby, mit Schläuchen und Maschinen versorgt. Es ist noch kleiner und wie die Krankenschwester erklärt, noch leichter und schwächer. Ich nicke mechanisch und bewundere das zweite Menschlein, das unregelmäßiger atmet als seine Schwester, aber trotzdem wohlauf ist. Weil ich nichts weiter für die Zwei tun kann und sie ruhig schlafen, besuche ich ihre Mama. Sie liegt in ihrem Bett und sieht aus dem Fenster in eine dunkle Herbstnacht. Draußen stürmt es, aber zum ersten Mal seit sieben Monaten ist sie vollkommen ruhig. Sie hat keine Schmerzen mehr, keine Angst. Als sie mich sieht, freut sie sich und streckt mir die Hand entgegen. Ich nehme sie und setze mich ans Bett. In diesem Moment wirkt sie wie unsere Kinder. Klein, zerbrechlich und schwach. Aber endlich wieder glücklich. Ihre Augen funkeln, wenn auch sehr müde.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">„Hast du sie gesehen? Sind sie nicht wunderschön?“ Nein, sind sie nicht. Ihre Haut ist ver-schrumpelt, die Äderchen sind zu sehen und sie bestehen größtenteils aus Schläuchen.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">„Ja, sie sind wunderschön.“ Und trotz alledem gibt es in diesem Krankenhaus und ganz sicher auch auf der ganzen Welt heute Nacht keine schöneren Frühchen als unsere Zwillinge.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">0.02 Uhr</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">Der erste richtige Tag mit unseren Kindern ist angebrochen. Die Inkubatoren stehen neben dem Bett, in dem sie liegt. Lilian liegt an ihrer Brust und lässt es sich schmecken. Ihre Augen sind halb geöffnet und sehen sich neugierig um. Samuel Mica liegt auf meinem Bauch, das Köpfchen zu seiner Mama gewendet. Einen meiner Finger in seiner Hand. Sein Händedruck wird Opa nicht gefallen, viel zu schwach, flüstere ich, weil ich sonst das Gefühl habe, Lili und ihre Mama zu stören. Sie lacht nur und Lilis Augen öffnen sich weiter. Sie genießt es jetzt schon ebenso sehr wie ich, ihre Mama lachen zu sehen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir noch Ruhe vor Großeltern und anderen Verwandten. Sie kommen erst im Laufe des Vormittags, darum nutzen wir unsere erste Familienzeit ausgiebig. Danach wird jeder kommen und meinen, er wüsste, was gut für unsere Kinder ist. Jeder wird sie betatschen, auf den Arm nehmen, uns wegnehmen. Davor habe ich Angst, denn sie gehören mir. Ich weiß zwar, dass dieser Gedanke absurd ist und dass sie irgendwann ihre eigenen Wege gehen werden, aber diese Beiden gehören uns und keinen Großeltern, Tanten, Onkeln, Freunden, sonstigen Bekannten, die alle schon Kinder haben und darum natürlich besser Bescheid wissen als wir. Wann es Zeit ist, mit stillen aufzuhören. Wann sie sitzen sollen, wann sie laufen sollen, wann sie sprechen sollen. Sie wissen, was man macht, wenn die ersten Zähnchen kommen. Sie wissen, wie die Badetemperatur sein muss. Sie wissen einfach alles, eigentlich wären sie die besseren Eltern. Wut kocht in mir hoch, auch in Erinnerung an die letzten Monate, in denen sie uns schon Vorschriften gemacht haben. Samuel Mica wird unruhig. Ob er wohl meine Emotionen spüren kann? Ich beruhige mich und wir tauschen die Kinder. Lili gibt den ersten Rülpser ihres Lebens von sich und gurgelt ein bisschen Milch auf das Handtuch über meiner Schulter. Ein paar Schläuche sind weg, wenigstens bei Lili. Nur der Dünne in ihrer Nase und einer an ihrer Hand sind noch da. Erstmal. Ich bin verwundert, dass die Zwei überhaupt in unseren Armen sind, denn sie werden noch eine ganze Weile im Krankenhaus bleiben müssen. Aber das ist im Moment, als Lilian sich an meine Haut schmiegt, alles egal. Sie leben, sie sind vollständig und nach Ärztemeinung trotz Frühgeburt gesund. Ob es noch Nachwirkungen gibt, wird sich im Lauf der nächsten Wochen zeigen. Nun genießen wir unser Zusammensein erst einmal ausgiebig. Wir sehen uns an, während die Kinder langsam einschlafen. Eine Krankenschwester bettet sie in die Brutkästen und schiebt ein zweites Bett ins Zimmer. Sie rät uns, zu schlafen, aber anfangs bekommen wir kein Auge zu. Ich rutsche näher zu ihr und obwohl sie sich nur als dunkle, graue Schatten in der Nähe unserer Betten abzeichnen, wissen wir, dass dort unsere Babies liegen, die zu uns gehören.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:justify;">„Na, ging doch ganz gut, was? Ich würde sagen, wir sind bereit für die nächste Geburt.“ Meine Mundwinkel ziehen sich nach oben, sie schnipst mir an die Nase und gibt ein genervtes Ge-räusch von sich. „Dann viel Spaß dabei! Mir reicht diese Tortur!“ Ich lege meine Stirn an ihren Kopf, fühle ihren Atem über meine Lippen schweifen. Ich küsse die Lider ihrer Augen, sie schließt sie und kurz darauf ist sie eingeschlafen. Ich liege wach, beobachte, wie sich die grauen Schatten manchmal bewegen, streichle über den Arm, der sich gegen meinen Oberkörper stützt. Ab jetzt wird alles anders. Ich kann Verantwortung übernehmen, ich kann mich um die Kinder und sie kümmern. Sie wird wieder normal werden ohne Hormonschübe, ohne das grässliche Gefühl der Nutzlosigkeit. Endlich kocht wieder jemand für mich, denke ich begeistert, denn mit meiner Kochkunst ist es leider nicht weit her. Wir werden gemeinsam die Pflege der Kinder übernehmen, wieder mehr zusammenarbeiten in der nächsten schweren und schönen Zeit, die vor uns liegt. Ab jetzt gibt es wirklich kein Ich mehr, nur noch das Wir. Einen Moment denke ich an die Zeit zurück, als wir Lili und Sam Mica zum ersten Mal gesehen haben, als meine Gefühle sich überstürzten. Heute kann ich das nicht mehr nachvollziehen. Heute weiß ich, dass sie zu mir gehört, ebenso wie unsere Kinder. Viele werden sich mit vermeintlichen Rat und Tat in unsere Familie drängen, doch wir haben ja eine Wohnung, in der wir in ein paar Wochen alle zusammen leben werden und deren Tür wir schließen können, wenn es uns zuviel wird und Schwiegermütter und Omas rauswerfen, war schon immer unser Hobby. Verwandte und ihre Ratschläge gut und schön, aber letztlich gehören wir zueinander und nur wir Vier und wir wissen, was für uns gut ist und was nicht. Wir Vier. Ab heute sind wir eine Familie.</p>
]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Antiliberale, elitäre, fremdenfeindliche, sozialdarwinistische, superioristische, autoritäre Gruppierungen]]></title>
<link>http://kaltric.wordpress.com/?p=76</link>
<pubDate>Tue, 24 Jun 2008 08:44:46 +0000</pubDate>
<dc:creator>kaltric</dc:creator>
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<description><![CDATA[Dies ist eine Warnung. Eine Warnung vor den in der Überschrift angegebenen Methoden zahlreicher ]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p>Dies ist eine Warnung. Eine Warnung vor den in der Überschrift angegebenen Methoden zahlreicher "anonymer" elitärer Internetgruppen, in diesem Fall vor allem denen der Möchtegernautoren.</p>
<p>Szenario: Viele Leute schreiben, nur wenige tun es intensiv. Nun hat man schon zahlreiche Sachen geschrieben, möchte vielleicht mal Meinungen hören. Was tut man? Man sucht sich Internetforen zum Austausch und zur Veröffentlichung.</p>
<p>Doch was erwartet einem da?</p>
<p>Ein Haufen Sozialdarwinisten, die nach dem Motto 'Nur der Starke überlebt' dort hinvegetieren. Offensichtlich sind in den meisten bereits alte, eingeschworene elitäre Grüppchen vorhanden, die jeden Neuling sofort niedermachen, denunzieren und teilweise kräftig und persönlich beleidigen - davon mal abgesehen, dass kaum jemand wirklich etwas liest, meist nur oberflächlich und sich an Kleinigkeiten sofort zur Beleidigung aufschwingt - und wenn an diesen Stellen Hinweise zum Text missachtet und offensichtliche Stilmittel als Fehler der gängigen Norm gegenüber betrachtet werden - da kann man sich nur noch wundern. Teilweise sind diese Foren auch so unübersichtlich, dass man eh nicht weiß was man machen 'darf', hat man etwas 'falsch' gemacht, treten die erwähnten faschistischen Methoden der Ausgrenzung, Beleidigung und teilweise gar Verfolgung in andere Themen in Kraft, ohne tatkräftige Hinweise oder gar Hilfe. Apropos tatkräftige Hinweise - wer sich von solchen Seiten KONSTRUKTIVE Kritik erwartet, ist dort eh falsch. Kritik schön und gut. Wird bloß beleidigt und nieder gemacht, ist sie nicht sehr konstruktiv. Auch lediglich Kommentare über Dinge, die man selber schon weiß und erwähnt hat, jedoch ohne Hilfestellung - sind ehrlich gesagt nutzlos.</p>
<p>Hiermit rufe ich zum Boykott <span style="text-decoration:line-through;">Flamewar</span> gegen solche Seiten auf, die hilflose Neulinge mit ihren faschistischen Methoden sofort niedermachen und wieder vertreiben oder vernichten. - Oder zum Aufbau einer neuen, toleranten Seite, die nicht gleich beleidigt. Denn scheinbar fühlen sich einige hinter ihrer angeblichen Internetanonymität zu sicher, um endlich das rauszulassen, was sie sich im Realen nicht trauen würden.</p>
<p><span style="text-decoration:underline;">Betroffene Plattformen:</span></p>
<p><a href="http://www.Kurzgeschichten.de" target="_blank">www.Kurzgeschichten.de</a></p>
<p><a href="//www.dsfo.de" target="_blank">www.dsfo.de</a></p>
<p><a href="http://www.schreibwerkstatt.de" target="_blank">www.schreibwerkstatt.de</a> - hier darf man gar erst selber etwas veröffentlichen, wenn man andere kommentiert hat. Doch tut man dies nicht im allgemein gültigen Stil der Beleidigung, wird der Kommentar sofort wieder gelöscht. Findet man also einen Text einfach nur so wie er ist gut und hat nichts zu meckern . Pech.</p>
<p>Bin über weitere Hinweise dankbar</p>
]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Was tun?]]></title>
<link>http://ultrakurz.wordpress.com/?p=108</link>
<pubDate>Sat, 21 Jun 2008 18:22:02 +0000</pubDate>
<dc:creator>ultrakurz</dc:creator>
<guid>http://ultrakurz.wordpress.com/?p=108</guid>
<description><![CDATA[
Was tun mit diesem unscharfen unzulässigen Streichholz, das er gerade angerissen hatte, dachte er ]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://ultrakurz.files.wordpress.com/2008/06/marrak_souk.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-109" src="http://ultrakurz.wordpress.com/files/2008/06/marrak_souk.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></p>
<p>Was tun mit diesem unscharfen unzulässigen Streichholz, das er gerade angerissen hatte, dachte er im Trubel seines immer wiederkehrenden Markttraumes.</p>
<p>Er starrte auf den verkohlten Stängel in seiner Hand.</p>
<p>Ihm wurde bewusst, dass er gleichzeitig wütend darüber war, an diesen schrecklichen, lärmenden, schmutzigen Ort – allem Anschein nach in Marokko oder sonst einem arabischen Land – geschickt worden zu sein, frustriert, weil er nicht wusste wieso, eingeschüchtert von den Tausenden von Leuten um ihn herum, die genau zu wissen schienen, wohin und wozu sie unterwegs waren, während ihr Gerede, das in einer fremden Sprache zu sein schien, an ihm vorbeizog wie Vogelzwitschern.</p>
<p>– Niebla ( © 2008 )</p>
<p>100 Wörter. Aus dem Englischen übertragen von Surendra Sparsh.</p>
<p>Photo copyright by <a href="http://www.petiteanglaise.com/" target="_blank">petite anglaise</a>.</p>
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<title><![CDATA[Besucher vom Kunstportal an Gethsemanekirche]]></title>
<link>http://prenzlmaler.wordpress.com/?p=461</link>
<pubDate>Wed, 18 Jun 2008 21:41:10 +0000</pubDate>
<dc:creator>prenzlmaler</dc:creator>
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<description><![CDATA[Gewöhnlich trabe ich gegen 13 Uhr ins Freie, um dem Berliner Montmartre, so nennt man seit ewigen Z]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p>Gewöhnlich trabe ich gegen 13 Uhr ins Freie, um dem Berliner Montmartre, so nennt man seit ewigen Zeiten den Prenzlauer Berg,  den Stempel aufzudrücken. Gestern war es anders. Nach drei Tagen bedingter  Regenpause, zog es mich bereits vormittags nach draußen. Kaum hatte ich  die ersten Meter vollzogen, begrüßten mich kurz nach 10 Uhr zwei Leute eines Kunstportals, die ohne Voranmeldung in den Prenzl schneiten und sich danach  stundenlang in meiner Nähe aufhalten sollten. Zu solch' einer Freude  taugt eine Internetplattform, denn ohne des Kunstportals wären solche Begebenheiten undenkbar.</p>
<p>Die Namen der Frau und des männlichen Begleiters möchte ich ganz bewusst  verschweigen.  Die erste Zeit  konnte ich mich nicht meinem Besuch widmen, da der Aufbau der  Open-Air-Ausstellung nun mal Vorrang hatte, wofür Verständnis gezeigt  wurde. Die beiden Kunstbeflissenen fühlten sich auch nicht zu schade, ein paar  große Leinwandgemälde mit an die Gethsemanekirche zu transportieren,  übrigens Landschaften, die niemals von mir im Internet Einzug halten würden.</p>
<p>Nach dem Ausstellungsaufbau war Kaffeekränzchen angesagt. Die beiden  Besucher besorgten Kuchen von der Schönhauser Allee, was allerdings so  seine Zeit dauerte und ich besorgt fragte, ob sie die Leckereien aus  Kreuzberg geholt hätten. Aber nein, sie machten einen kleinen  Schaufensterbummel, während mein gekochter Kaffee so langsam seine Hitze  in die Umwelt verschickte. Es schmeckte bestens und man war zufrieden.</p>
<p>Danach begann die schöpferische Phase des Kollegen, der mich sogleich  auf die komischste Art porträtierte, worauf ich bemerkte, augenblicklich  20 Jahre zugelegt zu haben. In die Bewertung griff seine Bekannte ein,  die mir erörterte, wenigstens so alt mich zu zeigen, wie es das Porträt  hergab. Irgendwie trafen wir uns anschließend in der Mitte, jedenfalls  einen größeren Bonus konnte ich nicht durchsetzen. Die Zeichnung fand  sofort und auch noch nach längerem Studium meine Anerkennung.</p>
<p>Die Berlinerin hingegen erzählte, dass sie eher seltener zeichne. Im Laufe  der Begegnung bekam ich von einer 23 jährigen Turteltaube Besuch, die mir  pausenlos den Hof machte, was schon gewisse komische Züge hatte.  Schließlich begann die Kleine auch noch zu zeichnen. So ließ sich die  werte Besucherin auch nicht lumpen und porträtierte nun meine  jugendliche Bekanntschaft. Nun erwies sich allerdings, das die  Verehrteste Talent hatte und relativ sicher die Kleine auf's Papier  brachte.</p>
<p>So war der erste Teil des Tages für mich abwechslungsreich und zugleich  sehr interessant verlaufen. Herzlichen Dank meinen netten Besuchern !</p>
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<title><![CDATA[Eine ganz normale Bahnfahrt]]></title>
<link>http://literaturblock.wordpress.com/?p=102</link>
<pubDate>Wed, 18 Jun 2008 19:46:26 +0000</pubDate>
<dc:creator>amiraamal</dc:creator>
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<description><![CDATA[Eine Bahnfahrt von Köln nach Essen mit einem fünfjährigen Kind wollte geplant sein. So sah es zum]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Bahnfahrt von Köln nach Essen mit einem fünfjährigen Kind wollte geplant sein. So sah es zumindest mein Sohn, der von der Aussicht, eine ganze Stunde im Zug verbringen zu müssen, nicht sehr begeistert war. Unvorstellbar, wie viel Hunger ein Knirps von einem Meter zwanzig in dieser kurzen Zeit bekommen konnte. Ich jedenfalls war bis zu dem Zeitpunkt, wo ich den Fahrschein in der Hand hielt ahnungslos. Gut gelaunt hatte ich meinen Sohn vom Kindergarten abgeholt und ihm auf dem Nachhauseweg erzählt, dass wir am nächsten Tag ausnahmsweise einmal mit dem Zug nach Essen zu meinem Partner fahren würden.<br />
„Ach Mama, das dauert aber so lange.“, maulte er.<br />
„Nicht viel länger als mit dem Auto.“, versuchte ich ihn zu beruhigen und zeigte ihm das Ticket.<br />
„Darf ich denn etwas zu Spielen mitnehmen, sonst wird es mir zu langweilig?“<br />
„Aber natürlich mein Schatz.“ ,sagte ich, ohne zu wissen, dass er gleich einen Container voller Spielsachen im Visier hatte. Es war nicht einfach für ihn, sich schließlich für ein einziges Spiel zu entscheiden, das zudem noch so klein sein sollte, um mühelos im Handgepäck verstaut werden zu können. </p>
<p>Nachmittags im Supermarkt legte er dann Kekse, eine Tafel Schokolade, eine Tüte Chips, eine Packung Kaubonbons und eine Flasche Saft in den Einkaufswagen und erklärte diese Dinge stolz zu seinem Reiseproviant für den nächsten Tag. Missmutig sah er mich an, als ich ihn bat, die Schokolade und die Chips wieder zurück in das Regal zu legen.<br />
„Dann muss ich morgen im Zug eben verhungern.“, warf er mir trotzig an den Kopf, in der Hoffnung, mich mit diesem Argument noch davon zu überzeugen, zumindest die Tüte Chips neben den Keksen und den Kaubonbons im Wagen lassen zu dürfen.<br />
„Das ist doch nicht zuviel für eine so lange Reise.“<br />
Ich versprach ihm, am Hauptbahnhof eine frischgebackene Salzbrezel für ihn zu kaufen und gewann schließlich die Diskussion in der Süßwarenabteilung. </p>
<p>Am nächsten Tag brachte mein Vater uns zum Hauptbahnhof.<br />
Da er immer sehr pünktlich war, hatten wir noch fast eine halbe Stunde Zeit bis zur Abfahrt. Mein Sohn rannte sofort los, um den Stand mit den Salzbrezeln zu suchen.<br />
Ich stand auf dem Bahnhofsvorplatz mit einem Koffer, einem Kosmetikköfferchen, einem Beutel Reiseproviant und dem Kinderrucksack meines Sohnes in den Händen und versuchte, meinen Sprössling in der Menschenmenge zu entdecken.<br />
„Mama, beeil dich oder hast du etwa vergessen, was du mir gestern versprochen hast.“, hörte ich seine Stimme vom Eingang her, wo er schon ungeduldig auf mich wartend von einem Bein auf das andere hüpfte und die Türe aufhielt. Erleichtert nahm ich das ganze Gepäck und bahnte mir einen Weg vorbei an den vielen Touristen, die vor dem Bahnhof standen und den Kölner Dom fotografierten oder ihre Stadtpläne studierten.<br />
„Nimmst du bitte deinen Rucksack“, bat ich meinen Sohn, als ich endlich den Eingang erreicht hatte, „und gib mir deine Hand, damit wir uns in dem Gedränge nicht verlieren.“ Ausnahmsweise protestierte er einmal nicht, sondern ließ sich, genau wie der Koffer, hinter mir her ziehen. Ich kaufte für uns zwei Salzbrezeln, dem Wunsch meines Sprösslings entsprechend in zwei Tüten verpackt und reichte ihm das noch warme Gebäck.<br />
„Die ist noch viel zu heiß. Da verbrenne ich mir ja den Mund!“, schrie er und zog damit die Aufmerksamkeit umherstehender Fahrgäste auf uns. Ich riet ihm, mit dem Verzehr zu warten, bis wir im Zug sitzen würden, worauf er noch lauter verkündete, aber gerade jetzt Hunger zu haben. Achtlos warf er die Tüte samt Inhalt auf den Boden und widmete sich dem Fahrkartenautomat, der sich auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges befand. Ich hob die Salzbrezel auf, verstaute sie im Handgepäck und mahnte zur Eile, wenn wir den Zug nicht verpassen wollten.<br />
Warum können Mütter auch die Faszination eines Fahrkartenautomaten nicht nachvollziehen?<br />
Mein Sohn hätte sicher noch stundenlang Gefallen daran gefunden, sämtliche Knöpfe und Tasten auszuprobieren, wäre ich nicht einfach weitergegangen, ohne seiner Spielerei Beachtung zu schenken. </p>
<p>Schließlich standen wir mit dem ganzen Gepäck auf Gleis 2 und konnten dort in Ruhe auf die Regionalbahn warten, die ausgerechnet an diesem Tag fünfzehn Minuten Verspätung hatte.<br />
Die Langeweile eines fünfjährigen Kindes ist der größte Feind mütterlicher Gelassenheit.<br />
Mein Sohn begann auf dem Treppengeländer herumzuturnen, bekam dabei einen herrenlosen Gepäckwagen zu fassen und schob ihn kreuz und quer über den Bahnsteig an den wartenden Fahrgästen vorbei, die mich strafend ansahen. Zumindest bildete ich mir das ein.<br />
„Komm sofort hierher!“, rief ich mindestens viermal, wobei meine Stimme immer lauter wurde. Am liebsten hätte ich ihn mir geschnappt, aber ich konnte unser Gepäck nicht einfach unbeobachtet lassen, um ihm hinterher zu laufen.<br />
Glücklicherweise kam in dem Augenblick der Zug und mein Sohn gab dem Gepäckwagen einen letzten Schubs, bevor er zu mir gerannt kam und sich an den Mitreisenden vorbei nach vorne drängelte, um als erster einsteigen zu können. </p>
<p>„Wann fährt die Bahn endlich los?“ beklagte er sich, nachdem ich das Gepäck verstaut und den Koffer zwischen unsere Beine gestellt hatte. Er kramte in seiner Tasche, holte sein Reiseschachspiel heraus und begann sofort damit, die kleinen Figuren aufzustellen.<br />
„Ich nehme weiß.“, verkündete er strahlend und setzte einen Bauer zwei Felder vor.<br />
„Kann ich etwas zu Trinken haben?“<br />
Der Zug hatte gerade den Bahnhof verlassen, als ich bereits die Flasche Saft aus dem Proviantbeutel holte und sie meinem Sohn reichte. Danach widmete ich mich dem Schachspiel, das ziemlich wackelig auf dem Koffer stand. Zufrieden kaute mein Sprössling auf dem Plastikverschluss der Saftflasche herum und kommentierte schmatzend und laut meinen ersten Zug. Ein junger Mann, der schräg hinter uns saß, sah uns interessiert zu.<br />
„Mama, darf ich einen Keks haben?“<br />
„Möchtest du nicht erst deine Brezel essen?“<br />
„Nein, die ist noch zu heiß."<br />
Die Dickköpfigkeit musste er von mir geerbt haben. Er riss die Packung auf, als hätte er seit Tagen nichts mehr zu Essen bekommen und stopfte sich gleich zwei Schokoladenkekse in den Mund, wobei jede Menge Krümel auf seine Hose fielen. „Pass bitte auf.“, sagte ich und folgte mit Argusaugen seinen verschmierten Händen, die er unbekümmert an seiner Jacke abputzte. </p>
<p>„Wann sind wir endlich da?“<br />
Diese Frage würde ich während der einstündigen Fahrt noch oft zu hören bekommen. Fast zehn  Minuten verlief unser Spiel ohne nennenswerte Zwischenfälle, bis ich ihm durch einen geschickten Zug seine Dame 